Go East!

Kalifornische Redewendung

 

Die Nacht ist kurz, das Erwachen ernüchternd: Heute! Die Gegenwart hat uns und unser Abenteuer mit einem Schlag eingeholt. – Was kommt, liegt nicht mehr in irgendeiner unbestimmten Zukunft; was kommt, beginnt jetzt: Es geht los.

Go West! – Nein, Go East! Haben uns die nervenzerrüttenden Tage im Radgeschäft derart verwirrt, dass wir jetzt die falsche Richtung einschlagen? Nein, die Richtung stimmt: Wir fahren erst einmal nach Osten, nach Plymouth Rock. Als ob nicht im Westen schon genug ungefahrene Meilen auf uns warteten!

Plymouth Rock, südöstlich von Boston, ist unser offizieller Startpunkt – jener Ort, an dem angeblich die ersten europäischen Siedler an Land gingen, um sich von hier aus nach Westen durchzuschlagen. „Durchkämpfen nach Westen mit den Augen und auf den Spuren der Pilgrims“ ist auch das Motto, nach dem uns die Firma „Trek“ die Räder zur Verfügung gestellt hat.

Und genau diese Räder fühlen sich im Moment noch ein wenig seltsam an. Aber das war anzunehmen – 15 Kilo Gepäck, mehr oder weniger gleichmäßig auf das Hinterrad getürmt, verändern eben das Fahrverhalten ein wenig. Dafür sind die Straßen und das Wetter toll. Makelloser Asphalt, leichte Kurven durch sonnig-waldiges Gebiet, breiter Fahrrad- und Pannenstreifen. Was will man mehr?

Auf den schnelleren Bergabstrecken schlingert der Vorderreifen tückisch: Hat uns der Verkäufer im Geschäft deshalb geraten, auch dort Radtaschen zu montieren? War das, was wir für die unzähmbare Geldgier eines Istanbuler Teppichhändlers hielten, am Ende vielleicht nur blanke Hilfsbereitschaft, gepaart mit dem edlen Hintergedanken, dass sich ein Fahrrad möglicherweise leichter steuern lässt, wenn man das Gepäck auf ihm gleichmäßig verteilt? – Na ja, egal. Man gewöhnt sich an alles. Irgendwann jedenfalls.

Stefan weckt schon nach wenigen Meilen freudige Erinnerungen an unsere gemeinsame Kindheit: Hundert Mal „Scheiße!“ in nur drei Stunden. Der Sattel sei kaputt und der Lenker falsch. – Das ganze Rad muss ein Irrtum sein …

Verfl…!! Wenn ich es nicht schaffe, die Sattelhöhe richtig einzustellen, dann werde ich wahrscheinlich bald Knieprobleme haben. Die bittere Erfahrung habe ich schon mal daheim gemacht. – Und nun ist schon nach einem halben Tag die Justierschraube meines neuen Sattels hinüber. Hurra …

Zweifel nagen am Selbstbewusstsein: Sind es die richtigen Räder? Sind es die richtigen Fahrer? Ist es das richtige Land? – Die richtige Straße ist es jedenfalls nicht! Und das, obwohl wir mit allen Mitteln versucht haben, auf der gemütlichen Ausflugs-Radroute zu bleiben, die man uns bis Plymouth empfohlen hat – leider immer wieder ohne Erfolg. Wir ziehen die erste Konsequenz dieser Reise: Es wird wohl über längere Sicht doch besser sein, sich an Straßenschildern und markierten Bundesstraßen zu orientieren, statt nach Radwegen zu suchen.

Dieser erste Tag erweist sich jedenfalls als mental erschöpfend: Noch geht es nicht in Richtung San Francisco, und dass wir jetzt schon zwei Tage verloren haben, steht uns beiden grimmig ins Gesicht geschrieben.

Trotz kleinerer Umwege erreichen wir gegen Abend nach 60 sturzfreien Meilen unser erstes Tagesziel: Plymouth Rock. Die Legende will es, dass im Jahre 1620 ein Schiff namens Mayflower hier 41 Passagiere an Land gesetzt hat. Deswegen sind bekanntlich auch wir hier: „Auf den Spuren der Pilger!“ Die Pilgrims hatten zwar keine Fahrräder, aber – na ja – das ist jedenfalls unsere Geschichte, wenn jemand fragt.

Ziemlich bald werden wir den Leuten übrigens wieder erzählen, dass wir in Boston losgefahren sind. 300 Meilen westlich von hier weiß nämlich kein Mensch mehr, wo dieses Nest („Plimm Moth?!“) überhaupt liegt.

Wir machen die ersten Dokumentarfotos. Hintergrund (unscharf): Mayflower-Nachbildung, Vordergrund (echt scharf): Zwei toll ausgerüstete, durchgestylte Radfahrer, die mit noch naivem Lächeln den unbekannten Mann am Auslöser angrinsen.

Der Fototermin muss Tobi irgendwie angeturnt haben; jedenfalls ist er auf einmal dreist genug, eine wildfremde Frau um eine Unterkunft anzuschnorren: „Wissen Sie, die restlos überfüllten Motels, die ihr hier habt, sind für uns viel zu teuer – und wir haben ja noch nicht einmal ein Zelt. Außerdem sieht es nach Regen aus … “ Wenn Tobi gewusst hätte, wie oft ihm dieses lockere Sätzchen in den nächsten Wochen noch über die Lippen kommen würde! – Jedenfalls dürfen wir am Ende in einem halb fertigen Gästehaus übernachten. Selbstverständlich umsonst.

Obwohl ich mir redlich Mühe gebe, Stefans Mistlaune wegen unseres Plymouth-Umwegs künstlich zu heben, ist er bis zum Schlafengehen mies drauf. Gut, ein bisschen kann man’s vielleicht verstehen: Seine nagelneue, 70-Dollar-Iso-Luftmatratze hat jetzt schon ein Loch.

Gleich morgen wollen wir uns im nächsten Hardware Store zwei Kompasse besorgen. In Wien hätten wir vermutlich noch unter heftigem Schenkelklopfen darüber gelacht („Ein Kompass, um nach Westen zu fahren – ha, ha –, das ist gut!“). Aber nach dem heutigen Richtungsraten und bei dem Düsenjäger-Maßstab unserer Straßenkarte scheint uns das die sicherste Methode zu sein, Nordkalifornien wenigstens annähernd anzupeilen.


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Stefan & Tobi

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