Nothin’ lasts forever.

Axl Rose

 

Früh am Morgen folgt dann der große Abschied. Als Julia aufbricht, verspreche ich ihr, dass wir noch einen Tag bleiben werden. Doch irgendwie kommt dann alles ganz anders.

Stefan nervt furchtbar. Jetzt sind wir schon zwei Tage hier und haben Garys Gastfreundschaft aufs reichlichste ausgenützt. Und jetzt soll ich hier wegen seiner kurzsichtigen Gefühlsduselei noch einen Tag herumhängen?!

Den ganzen Vormittag sind wir kreativ und entwerfen Pläne, wie wir das heraufbeschworene Dilemma am besten lösen könnten. Gary (der uns längst über alle Berge wähnt) bei seiner Rückkehr von der Arbeit die Wahrheit auf die Nase zu binden, scheidet jedenfalls aus: Julia hatte am Morgen durchblicken lassen, dass das nicht in ihrem Sinne wäre.

Typisch: Dass uns ein Hierbleiben zum „Gschichtldrucken“ zwingen würde, lastet Tobi natürlich mir an!

Am Ende haben wir jedenfalls die Qual der Wahl. Variante „Fauler Sack“ (Tobis Lieblingsvariante): Tobi fährt ein paar Meilen voraus, übernachtet irgendwo anders und wartet auf mich, damit er sich das mit Gary und Julia nicht mehr antun muss und für ihn am folgenden Tag keine Mammutetappe ansteht.

Variante „Fresssack“ (auch Tobis Lieblingsvariante): Stefan behauptet, dass er auf etwas ganz Wichtiges (vielleicht seine Kreditkarte?) von der Post warte und deshalb noch einen Tag bleiben müsse. Offiziell hätten wir uns gestritten, oder so … – Ach nein. Und was, wenn Gary – so gut wie sicher – so nett ist, mir bei meinem Postproblem zu helfen? Oder wenn wir uns an diesem ominösen Treffpunkt irgendwo westlich von hier am Ende verfehlen? Blödsinn, wir treffen uns einfach um 9 Uhr bei Burger King – einen Burger King gibt’s schließlich fast überall!Großartige Idee: Tobi könnte in der Wartezeit jede Menge Whopper fressen, und ich müsste ihn zur Strafe den nächsten Berg hinaufrollen.

Warum, bitte, legt sich Tobi nicht einfach ins Bett und behauptet, dass er Migräne hat? Wäre doch die Lösung: Einfach, nicht nachweisbar – und ich hätte freie Hand.

Ha! Ich spiel hier doch nicht den ganzen Abend mit Gary Doktorspiele, während Stefan und Julia …  – Der spinnt doch!

Je mehr wir mit diesen ausgesprochen liebevoll durchdachten Lösungen herumjonglieren – und das mit steigendem Amüsement –, umso klarer wird schließlich, dass wir keine davon in die Tat umsetzen werden.

Irgendwie kann ich Stefan davon überzeugen, dass es das Beste ist, wenn wir fahren. Blöderweise knüpft er daran allerdings eine Reihe von Bedingungen: So spiele ich seinen Liebeslakaien und fahre in den Ort, um eine rote Rose zu holen, während er seinen Abschiedsbrief aufs Papier weint.

Ich komme mir unglaublich ritterlich vor: Großer Bruder holt kleinem Bruder eine rote Rose für seine Geliebte. Dumm nur, dass das Muttchen im Blumen-Store keine roten Rosen hat. Eigentlich hat sie gar keine Rosen mehr, erst wieder übermorgen. „Übermorgen, Mütterchen, ist zu spät … “ (Warum komme ich mir bloß dauernd vor wie in „Und täglich grüßt das Murmeltier“?). Ich beteuere auf Knien (was man nicht alles für seinen Bruder tut), dass ich unbedingt jetzt und heute eine Rose brauche, und zwar eine rote! Und dass es dabei (wie immer) um Leben und Tod geht. Das wirkt. Sie kramt für mich den Abfallkübel durch und findet tatsächlich noch eine etwas zerknautschte rote Rose. Als ich ihr zum Dank die dramatische Geschichte erzähle (Stefan unterstelle ich dabei ausschließlich romantische Gefühle), beginnt sie fast zu weinen und schenkt mir das Röslein. Ich rase radelnd mit der Blume zwischen den Zähnen zurück. Schließlich müssen wir abhauen, sonst kommt Gary noch, bevor wir weg sind.

Nachdem ich versucht habe, in ein paar wenige Zeilen ein Maximum an Ausdruckskraft zu legen, deponiere ich die Rose auf dem Bett neben Julias Nachthemd. In den CD–Spieler stecke ich eine Guns n’ Roses-Scheibe (Don’t Cry), drücke die Repeat-Taste und drehe den Verstärker auf volle Leistung. Als romantischer Mensch weiß ich schließlich, was sich gehört. (Na ja, und ein bisschen Dramatik muss schon sein.)

Als wir aufbrechen, ist es durch das langwierige Hin und Her schon halb drei geworden. Wir besuchen den Nachbarort und bringen Garys Freund Will im dortigen Radgeschäft einen Sack Doughnut-Holes mit, wie wir es Gary zuvor versprochen hatten. (Das hätten wir eigentlich schon gestern machen sollen. Oder war’s vorgestern?)

Will gibt uns dafür einen Mantelheber aus Edelstahl. Garantiert bruchsicher. (Ich habe Garys und unsere am Vortag beim Reifenwechseln fluchend abgebrochen.) Und schönen Gruß von Gary. Wir sind gerührt.

Kurzetappe in das nur 45 Meilen entfernte Cody. Die Rocky Mountains wollen wir heute doch nicht mehr anreißen. Als wir Cody erreicht haben, versuchen wir vergeblich, eine Schlafgelegenheit unmittelbar neben dem Kino zu bekommen.

Die Stadt ist ganz auf Buffalo Bill abgestimmt: Buffalo Bills Geburtshaus, Buffalo Bills Rodeo, Buffalo Bills Lieblingspuff, Buffalo Bills Plumpsklo. Selbst für Leute, die nachweislich „Bill“ heißen, dürfte es äußerst schwierig sein, in einem Ort wie diesem eine preisgünstige Unterkunft aufzutreiben.

Wir jedoch grüßen auf der von Touristen überlaufenen Hauptstraße zufällig den richtigen Radfahrer. Es ist Judd aus dem hiesigen Radgeschäft: Er freut sich, dass wir Gary Fisher Bikes treten, und weil er selbst auch eins fährt, quartiert er uns schließlich bei seiner Freundin Shevan ein, wo wir mit zwei weiteren Freundinnen Bier saufen und „Twister“ spielen (eine Art Flaschendrehen für Leute, die statt der Zunge im Mund lieber eine große Zehe in der Nase haben …).
  

Von den verschiedenen Möglichkeiten, eine Dusche in Betrieb zu nehmen

Man stelle sich das nur mal vor: Einen ganzen Sommer lang steht man jeden Abend unter einer anderen Dusche! – Was für eine faszinierende Erfahrung …

Wer hat schon unter „normalen“ Umständen die Möglichkeit, so intime Einsichten in die Waschgelegenheiten eines ganzen Volkes zu werfen? (Wohlgemerkt: Es geht hier um private Duschen – und nicht um die standardisierten Massenanfertigungsduschen irgendwelcher nationaler oder internationaler Motelketten!) – Wie arm ist da der durchschnittliche Mitteleuropäer, der sein gesamtes, trübsinniges Duschleben im Angesicht von nicht mehr als zwei oder bestenfalls drei unterschiedlichen Brausemechanismen fristen muss und in all dieser Zeit nicht einmal eine Ahnung davon bekommt, auf wie vielfältige Weise man die heißen und kalten Ingredienzen des täglichen Bade- und Duschvergnügens abmischen kann!

Die Dusche des Jahres steht natürlich hier in Cody: Wessen Phantasie kann sich schon die Tücken einer Apparatur ausmalen, bei der man sich selbst mit der Erfahrung von nicht weniger als 41 anderen Duschen in den Fingern in spärlicher Bekleidung an den Hausherrn um Rat wenden muss? („Na ja, das ist so: Das Wasser dreht man hier unten auf, aber wenn man nicht schon währenddessen hier oben fest draufdrückt, dann kommt da natürlich auch niemals warmes Wasser raus … – Ja, es kann sein, dass das System schon ein bisschen defekt ist. – Ja. Meinetwegen kann es auch sein, dass es nur so funktioniert, weil das System schon defekt ist!“) – Egal. An einem solchen Patent könnte man sich wohl dumm und dämlich verdienen: Hereinspaziert, meine Herrschaften, diese Dusche erhalten Sie geschenkt! – Sollten sie nachher nicht zurechtkommen, können Sie natürlich auch gerne bei uns eine Betriebsanleitung erwerben. Die kostet allerdings eine Kleinigkeit …

Selbstverständlich muss das, was für Duschen gilt, auch für Badezimmertür-Verschlüsse gelten: Soll man jetzt den ganzen Knauf verdrehen oder nur einen Teil, und wenn, in welche Richtung? Muss man vorher irgendwo drücken oder ziehen? Beweist die Tatsache, dass man nicht mehr raus kann auch, dass niemand rein kann? Und: Wenn man zum Absperren diesen Stift hier reindrücken muss – wie in Gottes Namen kriegt man ihn dann wieder raus?


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Stefan & Tobi

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