Angie!

Mick Jagger

 

Als wir aufwachen, hat es gerade kurz aufgehört zu schütten. Vor dem Aufbruch ein ahnungsvoller Blick auf den Weather-Channel: Regen die nächsten Tage. Und Überschwemmungen.

Ich verspüre ein Stechen im Hals. Oder ist es der Kiefer? Ein Weisheitszahn? Ein Eiterherd? Oder doch beides? – Schließlich das vernichtende Urteil: Angina, schmerzvolles Stadium. (Mist. Vielleicht hätten mir die Halsschmerzen seit Kanada eine Warnung sein sollen?)
 

Wie man auf einer Radtour Angina bekämpft

Ein Tuch (amerikanisch: „Bandana“) um den Hals binden, darüber ein paar Lagen Küchenfolie. Zum Frühstück viel Obst. Halswehtabletten lutschen. Mindestens 90 Meilen Rad fahren. Warmes Bier trinken. Früh schlafen gehen. – Außerdem nett zur Krankheit sein: Wir nennen Stefans Angina liebevoll „Angie”.
 

92,5 Meilen zeigt Stefans Radcomputer am Ende dieses Tages an, meiner 151 Kilometer. (Wir trauen uns in Sachen Distanz bis zuletzt gegenseitig nicht über den Weg!) Dabei waren 42 km/h Durchschnittsgeschwindigkeit auf der Ebene (mit etwas Hilfe von hinten) keine Seltenheit.

Morgen Abend werden wir, wenn alles gut geht, in Ludington sein, von wo die einzige Fähre über den See setzt. Chicago schauen wir uns ein andermal an. Die entsprechenden Warnungen (Tenor: „Chicago sehen und sterben“) haben wir diesmal ernst genommen. Große Städte sind per Drahtesel sowieso kein Vergnügen. Aber angeblich hätte man uns ohnehin das Rad unterm Arsch weggeklaut …

Zu meiner Verwunderung habe ich festgestellt, dass man sich an den verdammten Sattel und die extrem unbequeme Triathlon-Haltung tatsächlich gewöhnen kann. Eine halbe Stunde kann ich jetzt schon in dieser kraftsparenden „Tieffliegerstellung“ durchhalten, ohne dass Krämpfe, eingeschlafene Glieder oder sonstige Beschwerden auftreten. Mittlerweile komme ich mir fast wie ein Shaolinmönch vor – die suchen sich angeblich auch eine möglichst schmerzhafte Stellung zum Meditieren aus, wenn sie Genügsamkeit trainieren wollen.

Genügsam sind wir zweifellos geworden. Unsere Ansprüche und unsere Vorstellungen von Glück und Zufriedenheit haben sich auf einfache Dinge reduziert. Nicht Geld, Juwelen oder Edelsteine sind die Einheiten, die in dieser Welt Bedeutung haben oder an denen sich der Erfolg unseres Daseins bemessen lässt. Die neuen Kategorien lauten: Essen, Wärme und Trockenheit. Und vielleicht noch die geradezu himmlische Gnade, trotz eines verdammt miesen Wetterberichts vom Regen verschont zu bleiben.

Unheilschwangere Regenwolken hängen den ganzen Tag triefbereit über Michigan. Als wir gegen 18 Uhr Evart erreichen, haben wir immerhin fast 82 Meilen zurückgelegt. Während wir die Suche nach einem Quartier starten, fängt es auf einmal leicht zu tröpfeln an. Aber wir wissen, dass es sich ausgehen wird. Wir werden nicht nass werden. Heute nicht! Wir haben vorsichtig kalkuliert.

Noch so ein Regentag wie gestern hätte mich umgebracht.

Im „Township Center“ finden wir freundliche Aufnahme. Ein Mann (ein Cop in Zivil! – Das mit der Polizei erzählt er uns aber erst hinterher …) lässt zuerst sein Lächeln und dann seine Beziehungen für uns spielen („We’ll find something. After all this is America!“) und schickt uns – nach einem entlarvenden Blick – in ein Heim für schwer erziehbare Kinder.

Der einzige Haken: Die Besserungsanstalt liegt nicht in Evart, sondern in Eagleville, lächerliche elf Meilen von hier. Die Unterkunft ist dafür natürlich umsonst.

Als wir aus dem Haus kommen, schüttet es in Strömen. Toll: Wir haben keine andere Wahl. Wir müssen durch. – Binnen einer halben Stunde entleeren sich jene Wolken, die uns den ganzen Tag über verschont hatten, über unseren Köpfen.

Als wir von der Hauptstraße auf einen kleinen Waldweg einbiegen, ist von dem Heim zunächst nichts zu sehen. 300 Fuß soll es von der Hauptstraße entfernt liegen – bloß, welche Schuhgröße? Als wir den Gebäudekomplex endlich finden, sind wir bereits mehr als 500 Meter in den Wald vorgedrungen …

Schließlich wird alles wieder gut: Wir landen in einem der Motelzimmer, in denen normalerweise die zu Besuch weilenden Eltern dieser „Gfraster“ nächtigen. Und das Zimmer ist wirklich nett – besonders die heieieiße Dusche! Von uns abgesehen ist das Areal fast verwaist.

Obwohl mir gelegentlich die Knie wehtun und Stefan den ganzen Tag über seine Halsschmerzen jammert, fühlen wir uns eigentlich erstaunlich fit. Außerdem haben wir beide schon eine recht ausgefeilte Technik entwickelt, Leute um ein Dach überm Kopf zu bitten. Es ist ja auch nicht viel, das wir für unseren kleinen Himmel auf Erden brauchen: einen trockenen Raum, eine heiße Dusche, einen Kleidertrockner – na ja und eventuell Abendessen und Frühstück.


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Stefan & Tobi

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