Die Jahrhundertspiele sind eröffnet!

Bill Clinton

 

Dank Stefans Nächstenliebe kommen wir nicht sonderlich weit: heiße 27 Kilometer bis nach Rexburg (hier waren wir doch schon mal). Wir schaffen es auch tatsächlich, im College das Mädel vom Brückenspringen in St. Anthony zu finden, mit dem wir unseren Besuch vereinbart hatten, landen dann aber wegen der strikten Geschlechtertrennung bei James und seinen Jungs, Freunden im benachbarten „Applegrave“-Apartment.

Den strahlend schönen Nachmittag verbringen wir Frisbee spielend an einem nahe gelegenen Badeteich. Eigentlich hätte es ein heißes Volleyball-Match werden sollen (Rexburg Rüpel gegen Vienna Wappler), aber der Ball macht beim ersten Aufschlag lautstark Bekanntschaft mit einen Stechkaktus. – Auf der Rückfahrt erfahren wir aus dem Autoradio, dass zwischen New York und Paris, genau auf jener Route also, auf der wir eingereist sind, ein voll besetzter Jumbo explodiert ist …

Am Abend geht’s ins Kino: Das UFO-Epos „Independence Day“ ist in den USA gerade angelaufen. Ein herrlicher Film voller freiwilliger und unfreiwilliger Komik, den man allerdings ohne einen Kübel Popcorn und einen Eimer Cola nur schwer verstehen kann.

Als die Außerirdischen eine Karawane mit Motorhomes und Campingwagen unter Beschuß nehmen, erhebe ich mich ostentativ von meinem Sitz und klatsche Standingovations: Das ist die Rache für Yellowstone! Yeah!

Die Ereignisse überschlagen sich: Nach der Rettung des Planeten Erde steht heute schließlich auch noch die Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele in Atlanta auf dem Programm! Aus diesem Anlass schmeißt das College eine Olympia-Dance-Party. Auf der Einladung steht: „Zieht euch olympisch an.“ Und gleich darunter: „Aber bitte keine nackten Beine, ja?“ – Quizfrage des Abends: Bei welcher Sommersportart trägt man lange Hosen?

Unsere Verkleidung liegt jedenfalls auf der Hand: Schließlich haben wir rein zufällig die Original-Jerseys des amerikanischen Olympia-Radteams dabei (und darüber hinaus eigentlich eh nix Vernünftiges zum Anziehen). Und mit ein paar Jeans entsprechen wir sogar der offiziellen Kleiderordnung.

Das mit der olympischen Verkleidung haben offenbar nur wir gelesen: Fast bis zur Unkenntlichkeit als Olympia-Zuschauer getarnt, stürmt die Masse der Studenten die Partyhalle. Nur einer wird aufgehalten.

Jetzt reißt mir aber bald die Hutschnur! Das mit den langen Hosen ist zwar irgendwie seltsam, aber akzeptabel. Aber meinen Ohrring herausnehmen? Wenn die Mädels alle ihre Ohrringe behalten dürfen, dann fühle ich mich diskriminiert! Blöde Mormonen!

Dafür haben sie sich Mühe gegeben, die Party wirklich olympisch zu machen: Auf einer Großbildleinwand kann man live den Einzug der Athleten in Atlanta verfolgen. Und es gibt Olympiabewerbe für die Partygäste. Die drei Hauptpreise: zwei Kinokarten, ein Gutschein für ein Riesensandwich und ein original Atlanta-T-Shirt.

Beim Radbewerb (mit einem Dreirad soll man, ohne sich die Knie auszukegeln und möglichst in Bestzeit, einen Slalom-Parcours durchfahren) hab ich doch tatsächlich die zweitbeste Zeit geschafft und das Sandwich gewonnen. Als gerade im Moment der Preisverleihung die österreichische Mannschaft auf der Leinwand in Atlanta einmarschiert, greife ich mir in einem Anfall von Übermut ein Mikro: „We are from Austria und radeln gerade durch die States, nur um heute Abend hier live dabei zu sein. Es ist ursuper leiwand bei euch. Vor allem, weil man da draußen, wie ihr euch vorstellen könnt, mit der Zeit sehr, sehr einsam wird, besonders jetzt, nach 2900 Meilen. Apropos einsam: Ich hab da vorhin einen silbernen Ohrring auf dem Boden gefunden und würde ihn bei der Besitzerin gerne gegen einen Tanz eintauschen.“

Dieser Schleimer! – Aber lieb irgendwie. Und natürlich eine großartige Rede!

Als die Party pünktlich um Mitternacht ihr jähes Ende findet und sich die ganze glitzernde Festgesellschaft – ähnlich wie bei Aschenputtel – wieder in ihre weltlichen Bestandteile auflöst, fahren wir mit ein paar Studenten raus aus der Stadt, um irgendwo unterm Sternenhimmel noch ein Lagerfeuerchen anzuzünden. So landen wir am Ende wieder in der Wüste. Eigentlich nur wenige Meter von den Sanddünen entfernt, die vorgestern unsere feurige Fiesta über sich ergehen lassen mussten, sitzen wir nun im Kreis, frönen dem olympischen Gedanken (dabei sein ist alles …) und starren in die Glut.

Es weiß eben nicht jeder, wie man Feste feiert.


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Stefan & Tobi

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