The alarm clock has been drinking, not me!

Tom Waits an einem Dienstagmorgen

 

Weil unser Wecker verschläft, stehen wir später auf als geplant. Dafür ist Scotty so nett, uns (nachdem seine Frau bereits aus dem Haus ist) Frühstück zu machen. Gegen 10 Uhr brechen wir endlich auf.

Günstiger Wind treibt uns mit einem Schnitt von knapp 30 km/h nach Platte. Bei Gratis-Cola-Refills werfen wir uns im örtlichen „Subway“ jeder ein Riesensandwich rein und informieren uns in der Lokalzeitung über die neuesten weltbewegenden Themen (Details über die US-Olympiamannschaft und so). Nach einem Bad im städtischen Swimmingpool (an der Oberfläche treiben die schönsten Mädels von South Dakota) geht’s dann weiter nach … – erraten: Westen!

Zehn Meilen später entfaltet sich vor uns das Missouri-Tal: Idyllisch und wunderschön – eine prachtvolle, grüne Oase, die nachdrücklich zum Verweilen einlädt. Wären wir die ersten Siedler, wir würden gar nicht mehr weiterfahren, sondern uns gleich hier ein Plätzchen suchen, irgendwo zwischen dem Campingplatz und dem Yachthafen. Da wir allerdings nicht die ersten Siedler sind und außerdem von unserer Anhöhe aus schon den Gegenhang jenseits der Brücke ausmachen können, genießen wir den Missouri und seine lieblichen Ufer lieber ausgiebig aus der Vogelperspektive, um dann möglichst viel Schwung für den nächsten Berg mitzunehmen.

Mit vollen Segeln rauschen wir ins Missouri-Becken hinunter, treten in die Pedale was geht, werfen auf der Brücke einen kurzen, verliebten Blick nach links und rechts und jagen dann auf der anderen Seite die gleiche lähmende Steigung wieder hinauf – jedenfalls einen Teil davon: Nach ein paar hundert Metern nämlich versiegt unser Schwung wie ein kompromisslos zugedrehter Wasserhahn. Der Gegenhang ist aus der Nähe besehen doch ein wenig steiler als vermutet – und daher ist nun erster Gang und kräftig kriechen angesagt. Die Luft scheint zu glühen, so dass der Schweiß in kleinen Bächlein den Hals hinunterfließt. Die Sonne sieht bei alledem interessiert zu und lässt den aufgeheizten Asphalt dabei so klebrig werden, dass man an manchen Stellen fast hängen bleibt.

Als der Berg endlich geschafft ist, öffnet er den Blick auf sanfte, begrünte Hügel (der Amerikaner würde wohl sagen: „Rolling Hills of Green“), die so unmotiviert aus den friedlichen Wogen der Hochebene herausbuckeln, dass man glauben könnte, es schlummere unter einem jeden von ihnen die Pyramidenvilla eines Inkafürsten. So weich sich hier die Grasnarbe an die hügeligen Täler angepasst hat, so kompromisslos stolz gebärdet sich die Straße: Schnurgerade, ohne den leisesten Versuch, dem auf ihr Reisenden den Anstieg aus dem letzten Wellental durch einen Schlenker nach links oder rechts zu erleichtern.

Zum ersten Mal seit langem sind uns wieder 40 mph bei einer Abfahrt vergönnt. Ansonsten zehrt das ewige Auf und Ab ziemlich an den Kräften. – Dann ein viel sagendes Schild: „Winner – where the West begins. 21 Miles“. – Man stelle sich nur vor: Seit über einem Monat fahren wir nun schon nach Westen. Und jetzt sind wir in einer guten Stunde da …

Die Stunde zieht sich. Kein kühlender Baum in Sicht. Nichts, wo sich sinnvoll eine Pause machen ließe. Sogar die Telegraphenmasten sind zu dünn, um sich mit eingezogenem Bauch in ihren Schatten stellen zu können. Hügel, Hügel, Hügel – und immer wieder Täler. Dann, endlich, ein Beisl an der Straße.

Vor dem einzigen Cola-Automaten weit und breit (Tobi bleibt inzwischen bei jedem dieser Dinger stehen) treffen wir den Indianer Bruce Stands-with-him. Ich will natürlich sofort wissen, was es mit dem ausgefallenen Namen auf sich hat („Steht-mit-ihm“: Wer steht wo? – Und mit wem?), und lande damit treffsicher im klischeehaftesten Fettnäpfchen aller Bleichgesichter: „Stands-with-him“ sei nur irgend so ein blöder Familienname, erklärt mir Bruce; ich könne ihm den meinen schließlich auch nicht erklären. – Da hat er leider recht.

Bruce ist im Übrigen stockbetrunken. Er erzählt davon, dass die Weißen („sie verabreichen uns Alkohol“) ihr Land genommen haben. Ich bin versucht zu sagen, dass die Weißen auch an Weiße verkaufen würden, wenn diese darum bitten, verzichte dann aber darauf. Ansonsten bringt Bruce das Dilemma der Indianer in erstaunlicher Weise auf den Punkt: Man könne entweder betrunken sein und im Reservat leben, oder nüchtern und gebildet irgendwo da draußen einen Job haben – und damit die indianische Identität aufgeben.

Bruces betrunkener „Bruder“ im Auto hat inzwischen die Hupe gefunden und will fahren. Wir verabschieden uns herzlich von Bruce, und er schenkt mir – als typisch indianische Abschiedsgabe – eine Kassette mit Lynyrd Skynyrds „Greatest Hits“.

Als wir uns von Bruce verabschieden, hat er gerade einen seiner Cowboystiefel ausgezogen und kratzt sich an der großen Zehe. Dabei fällt ihm aus dem Stiefel ein Vierteldollar in den Sand (wie auch immer der da hineingekommen ist). Ich will dem wankenden Bruce das Bücken ersparen, hebe die Münze auf und darf sie als Glücksbringer behalten. (Toll: 25 Cents mit dem Fußabdruck eines Sioux.)

Als Bruce mit seinem „Bruder“ davongebraust ist, radeln wir weiter nach Winner.

Was für eine komische Stadt! Ich würde sie in Loser umbenennen, wenn ich könnte.

Winner hat was Erbärmliches, Verfallenes. Irgendwann muss diese Stadt mit einem letzten, gequälten Seufzer ihre Seele ausgehaucht haben. Abseits der verwaisten Hauptstraße machen oberwichtelige Kindercliquen mit ihren quietschenden Prolo-Kisten die „Neighborhood“ unsicher. Nur ganz oben auf dem Stadthügel stehen ein paar bessere Häuser.

Vor der Kirche, in der wir heute zu übernachten trachten, zerstreut eine Frau unsere Befürchtung, dass hier „tote Hose“ ist: „Usually there are more cars on the road …“

Abendessen beim örtlichen Chinesen: Der Name „Lucky Seven“ ist wirklich treffend gewählt, denn tatsächlich hat der Besitzer großes Glück, dass die hiesige Bevölkerung gewillt ist, sieben Dollar (und mehr) für eine durchschnittliche Mahlzeit zu bezahlen – für diese Gegend (wir sind ja nicht auf der 5th in New York) eine unvorstellbare Summe. Wir beschließen, uns unser Abendessen diesmal selbst zu subventionieren und sparen ausnahmsweise das Trinkgeld ein.
 

Grenzflüsse

Wenn man in Irving Stones „Men to Match my Mountains“ oder Hugh Brogans „History of the United States“ über die Pioniere des Westens nachliest, dann kann man erahnen, was für eine Hürde die großen Ströme im Norden des Kontinents für die ersten Siedler bedeuteten. Diese Hürden sind natürlich Vergangenheit. Die einst so unüberwindlichen Grenzflüsse lassen sich in wenigen Augenblicken passieren. Aber der Effekt solcher natürlicher Barrieren auf Land und Leute ist bis heute spürbar:

Als die Wellen der amerikanischen Kolonisation auf die Wellen von Mississippi und Missouri trafen, hinterließ das deutliche Spuren. Der Mississippi wurde das, was er heute ist: eine fließende Grenze vom Osten zum Mittleren Westen und zugleich die Schwelle zu jener kleindörflichen und bäuerlichen Herzlichkeit, die wir noch vor wenigen Tagen am eigenen Leib erfahren durften.

Der Missouri bildet dafür den natürlichen Weidezaun für den rauen Westen: Ackerland weicht schlagartig der Prärie (so hatten wir uns zumindest die „Prärie“ immer vorgestellt), den Pick-up-Fahrern wachsen auf einmal Cowboyhüte auf dem Kopf, und auf jeder zweiten Wiese kaut irgendein „Jolly Jumper“ verschlafen an den Resten seiner morgendlichen Salatration.


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Stefan & Tobi

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