Go West!

„Suuuper Schbruuuch…“

 

So geht es denn an diesem Sonntagmorgen von der Atlantikküste aus los: Wir kehren dem Osten für die nächsten Monate – buchstäblich – den Rücken. Es ist ein ganz anderes Gefühl als gestern. Wir schreiben Geschichte. Genau jetzt. Ein kleiner Schritt für die Menschheit, aber ein großer für uns. Die ersten Tritte haben etwas Ehrfurchtsvolles: Radfahren als sakrale Handlung. Der Kurs stimmt. Der Kontinent liegt vor uns, und mit jedem zurückgelegten Meter ziehen wir – langsam, aber unaufhaltsam – unserem Ziel entgegen.

Unser erster offizieller Kontakt mit den Eingeborenen von Massachusetts verläuft nicht nur friedlich, sondern geradezu freundschaftlich: Der Besitzer eines Fahrradgeschäfts versorgt uns völlig gratis mit Trinkwasser (normalerweise kostenpflichtig) und gibt jedem von uns eine Testportion zähflüssige Notnahrung für verhungernde Radfahrer mit auf den Weg.

Natürlich lassen wir auch harte Dollars in dem Laden. Tobi war ja schon in Boston einfältig genug, sich einen dieser „Camelbaks“ aufschwatzen zu lassen, bei denen man während des Trinkens angeblich die Hände auf der Lenkstange lassen kann. So etwas Albernes! – Nachdem ich gestern bei teilweise sehr lebhaftem Verkehr halb am Verdursten war, bin ich nun auch reif dafür. Ich entschließe mich allerdings für ein Modell mit etwas mehr Fassungsvermögen – schließlich muss ich ja immer den Größten haben …

Eigentlich ist Amerika für das Leben auf der Straße schon voll eingerichtet: Der Weg ist gesäumt mit Delis, Pizza-Hütten und Hamburger-Restaurants – unzählige Möglichkeiten, den sich ständig leerenden Kalorienspeicher aufzufüllen. Nirgendwo kann man hinsehen, ohne eine dieser „Tankstellen“ zu erblicken. – Amerika ist bereit für uns!

Gegen Abend erreichen wir nach 120 heldenhaft gefahrenen Kilometern einen Trailer-Campingplatz. Steifbeinig wanken wir zum Büro, noch unschlüssig, ob wir hier überhaupt bleiben sollen; zumindest wollen wir erst einmal wissen, was hier so pro Nacht zu zahlen ist. Das Büro scheint allerdings unbesetzt. Wir beschließen deshalb, zunächst zu duschen. Fragen kann man ja nachher immer noch.

Frisch gewaschen und frisiert suchen wir uns einen Schlafplatz. Schließlich dämmert es schon. Die Tür zum Büro ist allerdings noch immer hartnäckig verschlossen. Also gehen wir erst einmal schlafen.

Heute verbringen wir unsere erste Nacht im Freien – ohne Zelt. Die Tatsache, dass wir von hungrigen Gelsen umzingelt sind und sich mein Sinn für Geborgenheit und Ordnung offenbar nicht mit der Weite des Himmels über uns verträgt, lässt in mir Panik aufsteigen. Auch, dass man uns am Campingladen an der Straße den Wunsch nach zwei einfachen Döschen amerikanischem Dünnbier verwehrt (weil doch heute Sonntag ist), trägt nicht wirklich zu meiner Entspannung bei. Ich ziehe meine Anti-Gelsen-Mütze tief ins Gesicht, verkrieche mich im Schlafsack und tue so, als ob ich daheim in meinem Bett läge.

Als wir am nächsten Morgen unsere Sachen gepackt haben, hat das Büro endlich offen. Aber wir können uns nicht mehr so recht entschließen hineinzugehen. Wozu auch? Gestern hätten wir noch einen Schlafplatz gebraucht. Aber heute? – Na ja, jedenfalls nicht im Moment. Und schon gar nicht hier. Trotzdem freuen wir uns, dass sich doch jemand um die schöne Anlage kümmert. Aber jetzt müssen wir wirklich weiter …


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Stefan & Tobi

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