It ain’t over till it’s over.

Lenny Kravitz

 

„Oarschtag“, dritte Auflage. Dabei fängt eigentlich alles ganz nett an: Wir kriegen Frühstück, verabschieden uns artig und fahren den Radweg hinauf nach Ketchum (wo der berühmte Schauspieler Robert Ketchum sein weltveränderndes Tomaten-Ketchum erfunden hat). Der Radweg ist wirklich wunderbar; da kann sich der Donau-Radweg in Sachen Glätte und Asphaltqualität noch was abschauen.

In Ketchum selbst trifft einen allerdings der Touristenschlag: Ein lächerliches Zehn-Zentimeter-Sandwich und eine 20-Cents-Banane im günstigen Kombipack kosten im Supermarkt 4,25 Dollar – selbstverständlich noch ohne Steuern! – Das schlägt selbst einige österreichische Skihütten …

Der gute Heini ist uns in der Zwischenzeit heimlich nachgefahren, um uns am Ende des Radweges mit der Kamera aufzulauern und noch ein paar Erinnerungsfotos zu schießen. Danach lädt er uns auf einen letzten Kaffee ein.

Die Kreditkartenfirma erweist sich mal wieder als äußerst erfinderisch im Konstruieren künstlicher Probleme: Nachdem auf der Landkarte mit „Vale“ nun endlich einmal ein größerer Ort aufgetaucht ist, durch den wir in ein paar Tagen mit Sicherheit fahren werden (weil er am Rande der Wüste liegt und von dort aus nur eine Straße nach Westen führt), rufe ich in der Firmenzentrale an mit der Bitte, dass man meine Notfallkarte dorthin schicken möge. Zu meiner Verbitterung ist man allerdings nicht einmal imstande, eine geeignete Kontaktadresse in Vale zu finden. Warum das so schwierig ist, weiß der Himmel!

Dass ich ein Fremder in diesem Land bin, mich auf Reisen befinde und keine feste Wohn- oder Hoteladresse habe, lässt die Telefonistin völlig kalt. Dafür muss ich bei jedem Anruf geschlagene zehn Minuten damit verbringen, meine gesamten Personaldaten neu durchzugeben. Haben diese Leute denn keinen Computer?!

Derart im Stich gelassen, wende ich mich an die Polizeistation in Ketchum. Eine hilfreiche Polizistin („Diese Kreditkartentypen sind doch alles Verbrecher!“) ruft daraufhin ihre Kollegen in Vale an, um zu klären, ob die vielleicht meine Notfallkarte in Empfang nehmen könnten. Nach einer weiteren Unterredung mit der Kreditkartenfirma verspricht man mir schließlich, dass die Notfallkarte am vereinbarten Tag im gewünschten Revier sein wird. Na also, warum nicht gleich?

Idaho, der „Kartoffel-Staat“, schimmert nun doch langsam in einem positiven Licht. Vor uns liegen die wunderschönen Sawtooth Mountains. Und darüber hinaus bringt der Tag auch keine weiteren Pannen – lediglich leichten, nervtötenden Gegenwind.

Gedanklich bin ich heute daheim, in Österreich, was vermutlich an dem geradezu tirolerischen Bergpanorama der Sawtooth Mountains liegt. Bloß phasenweise, wenn eine Situation von der gewohnten Routine abweicht, kehre ich nach Idaho zurück …  – Stefan befindet sich dagegen in einem Bewusstseinsloch mit erschreckendem Tiefgang. Er fühlt sich sichtlich nicht wohl, was sich auch auf seine radfahrerischen Leistungen auswirkt: Wenn ich ihn nicht in meinem Windschatten hinter mir herschleife, wird er zum Schmutzfleck am östlichen Horizont.

Langsam geht mir wirklich die Luft aus. Idaho ist atemberaubend, insbesondere dank meiner Sagebrush-Allergie. Die Sawtooths hinauf hetzen mich zwei riesige Pferdebremsen; bei einer Pause auf der Passhöhe erlegen wir dafür zur Rache gleich fünf davon. Bei der Größe der Biester eigentlich schon ein ganz passables Abendessen – aber Tobi besteht wie immer auf Fleisch aus Bodenhaltung.

Stefan glaubt, er ist allergisch gegen das Wüstengestrüpp. Ich glaub eher, er steigert sich psychisch in eine Aversion gegen den Staat Idaho hinein (Mormonen-Mädchen, Gegenwind, Sagebrush … ).

Landschaftlich ziehe ich die uneingezäunte Pracht der Sawtooth Mountains dem Yellowstone Park vor – vor allem gibt’s hier bedeutend weniger Autos, und keiner verlangt vier Dollar Eintritt!

Auf einer Hochebene mitten in den Sawtooths klopfen wir dann beim Besitzer des örtlichen Rafting-Centers an, angeblich ein Freund von Heini, dem er irgendwann mal den Kamin gemauert hat und der ihm deswegen noch was schuldet. Nach langem Zögern lässt uns der Mann dann im Schuppen zwischen seinen Gummibooten nächtigen. Wir hatten von einem „verschuldeten Freund“ zwar etwas mehr Entgegenkommen erhofft, aber egal. Wir haben, was wir brauchen.

Im nächsten Pub laben wir uns mit Käsepizza und Salat. In der Nacht wird es dann trotz schützendem Geräteschuppen saukalt.
  

Und jetzt?

Es hatte sich bereits seit Wochen angekündigt. Ein kleines Rumoren hier und da, ein kleines Erbeben, wie von einem dieser Monstertrucks, die man schon lange vorher in der Magengrube kommen spürt, ehe sie dann ganz plötzlich über die Kuppe stechen.

Nun ist es da: Unser Verhältnis zur Bevölkerung hat sich geändert. Und das ziemlich drastisch. Wir sind jetzt nicht mehr die verrückten Typen, die etwas Krankes vorhaben. Wir haben es eigentlich bereits getan. Wir sind kein bisschen mehr so wie sie.

Dabei war am Anfang alles so einfach: Wir mussten weiter, sie blieben. Das war der wesentliche Unterschied. – Wir waren Märchenerzähler, waren selbst die Hauptfiguren, die für wenige Augenblicke in ihr Leben traten, um am nächsten Tag ebenso unvermittelt wieder zu verschwinden. Wir waren Hausierer mit einem Traum, den so viele Amerikaner selbst irgendwo tief in ihrem Herzen mit sich herumtragen. Und wir waren unermüdliche Verfechter der Vision, dass in diesem Land noch heute und noch immer alles möglich ist, wenn man fest daran glaubt.

All das scheint jetzt vorbei zu sein: Mit unserem Bericht können wir niemanden mehr faszinieren, mit den Details niemanden mehr erschüttern. Bestenfalls erschrecken. – Haben wir nun endlich unser Berührungsproblem, auf das wir schon seit Wochen warten?

Gut möglich, dass der neue Umgangston auch einfach daran liegt, dass es an der Westküste zu viele Radfahrer gibt. Und dass wir kein Mitleid mehr verdienen: Inzwischen machen wir vermutlich den Eindruck, als könnten wir auf uns selbst aufpassen.


Über die Autoren

Stefan & Tobi

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