Iowa sucks.

Joel, Trek-Mann

 

Radfahren könnte man als eine Befreiungssportart bezeichnen: Jedes Problem, das nicht in die Satteltaschen passt, bleibt zurück. Bücher, Kochtöpfe, Öfen … – all das ist ungeheuer befreiend. Leider bleibt auch hin und wieder einiges andere zurück. Der Geist ist eben (trotz permanenter Fahrtwindkühlung) nicht mehr ganz so frisch wie zu Beginn. Und die andauernde, gnadenlose Sonnenbestrahlung trägt auch nicht gerade dazu bei, die allmählich um sich greifende Verblödung aufzuhalten.        

Mist. Gestern in Richland muss ich irgendwo meine Sonnenbrille verschmissen haben.

Route 171 führt unmissverständlich nach Westen. Die 171 ist ein mageres, hügeliges Sträßlein, das sich still und leise durch ein einsames Tal voll duftender Apfelplantagen windet: Kühe rechts, Bächlein links, über uns ein tiefblauer Himmel, geschmackvoll angerichtet mit frisch gewaschenen Schäfchenwolken und einer dottergelben Sonne. Ab und zu kündigt eine Holzbrücke den friedvollen Wechsel von Kühen und Bächlein an. – Einfach gestrickte Seelen müssen sich so in etwa das Paradies vorstellen.

Am Ende einer der vielen erfrischenden Abfahrten verhindert eine Notbremsung, dass wir mit verklärtem Blick geradewegs in den Mississippi rasen. Die 171 ist hier zu Ende. Das dazugehörige Schild nach der letzten Kurve war wohl gerade von einem Wiederkäuer verstellt. Vor uns erstrecken sich nun die unendlichen Weiten des größten nordamerikanischen Stroms. Binnen weniger Augenblicke wandelt sich der Begriff „Mississippi“ in unseren Köpfen vom unaussprechlichen Kinderreim-Vokabel zum mächtigen, unüberschaubaren Fluss: riesig, den gesamten Horizont einnehmend und so ruhig, dass wir anfangs Mühe haben, die Strömungsrichtung zu bestimmen; wie ein riesengroßer See ohne Nord- und Südufer.

Siesta an den Ufern des Mississippi: Eine Zwei-Liter-Packung Icecream hilft uns dabei, die Körpertemperatur zur Regeneration auf kälteschlaftaugliche 15 Grad herunterzukühlen.

Stefan hat plötzlich die Krise: Er beansprucht egoistischerweise den ganzen Picknicktisch für sein Mittagsschläfchen und findet die Reise auf einmal „langweilig“. Und das ausgerechnet zu dem Zeitpunkt, wo ich anfange, mich sauwohl in meiner Haut zu fühlen.

Trotz orakelhafter Warnungen („Iowa sucks!“ – Iowa saugt? Was mag das wieder bedeuten?!) beschließen wir, noch heute unerschrocken den Grenzfluss zu Iowa zu überqueren. Nach einer kurzen, aber herben Enttäuschung (keine Fähre in Ferryville!) nehmen wir die Brücke bei Lansing.

Am Ende sieht es ganz so aus, als ob unser heutiger Tag nach Erfüllung des Strampel-Solls im Kaff Waukon enden soll – wir haben sogar schon eine Übernachtungsgelegenheit bei einem älteren Ehepaar gefunden. Unsere Gastgeber in spe müssen allerdings noch kurz zum Flughafen und vertrösten uns darauf, dass wir in einer Stunde noch einmal wiederkommen sollen. – Da wir bis dahin jedoch nicht trübsinnig herumsitzen wollen und uns außerdem schon der Hunger quält, beschließen wir, uns die Zwischenzeit mit einem wohlverdienten Pitcher Eisbier zu verschönern und vielleicht auch den einen oder anderen Happen zu essen. Auf unserem Streifzug durch die Stadt entdecken wir schließlich eine Biker-Bar, vor der Gary Fishers, Treks und Harley-Davidsons neben der Tür einträchtig Rad an Rad stehen.

Ich schicke Stefan in den Puristentempel vor: „Schau mal, ob’s da drinnen nett ist. Ich seh mir noch die Bikes genauer an.“ – Als er nach ein paar Minuten noch nicht zurück ist, presche ich todesmutig und auf alles vorbereitet mit der Fahrradpumpe („Pump-Gun“) im Anschlag durch die Vordertür (man kennt solche Auftritte ja aus einschlägigen Filmen). Die Szene, die sich mir daraufhin ins zusammengekniffene Auge brennt, lässt mich zum regungslosen Bikerdenkmal erstarren. Auf fast alles war ich gefasst, aber das hier?! Fröhlich lachend und perfekt geklont sitzt Stefan in doppelter Ausführung an der Bar und redet mit sich selbst …

Es ist eine dieser schicksalhaften Begegnungen, an denen man selbst mit geschlossenen Augen, laut singend und im Rückwärtsgang nicht vorbeikommt: Sitzt da doch tatsächlich ein Typ an der Bar, der aus derselben Retorte geschlüpft ist wie wir. Dasselbe Raddress. Derselbe kranke Blick (na ja, seiner ist vielleicht schon ein wenig illuminiert). Und die peinlichen Clownsfarben des Saturn-Team-Jerseys (weiß-rot kariert) sind ja wirklich nicht zu übersehen.

Ward und Matt (der Karierte) sind die 20 Meilen vom Städtchen Decorah hierher geradelt, nur um Kümmelschnaps zu trinken. – Am Ende einer gemeinsamen Schnapsverkostung („Brrrigittigittpfuideibl!“) und nach ein paar Bier sind die zwei dann in einem derart schlechten Zustand, dass wir sie einfach nicht mehr alleine nach Hause radeln lassen können. Aber die beiden wollen uns in unserer Verfassung natürlich auch nicht hier zurücklassen. Also kommen wir mit: Decorah liegt glücklicherweise genau westlich von Waukon.

Es ist acht Uhr abends: Auf der „alten“, so gut wie unbefahrenen Route 9 reiten wir einem goldenen Sonnenuntergang entgegen. Der Geist der vier Musketiere ist mit uns: „Einer für alle – alle für einen.“ Die unbezwingbaren vier kommen! Vorsicht, ihr Autofahrer des Kardinals, diese Straße gehört uns. Jeder, der sich uns in den Weg stellt, wird … – gerädert.

Also haben wir endlich doch noch zwei Dumme gefunden, die uns als Jünger nachfolgen wollen: Zu viert ist Radfahren einfach noch viel cooler als zu zweit! Da nur Matt so ein Clown-Jersey anhat, ernennen wir Ward kurzerhand zu unserem Trainer. Doch die beiden sind ohnehin vom Fach: Ward gehört in Decorah ein Radgeschäft und Matt arbeitet dort.

Der Tageskilometerzähler zeigt 147, als das Elitequartett des Königs von Frankreich nach zügigem Ritt durch die feindliche Dunkelheit schließlich aus dem Sattel steigt, um den erschöpften Drahteseln ihre wohlverdiente Nachtruhe zu gönnen. In „Decoráh“ (klingt ja fast wie Camembert aus der Normandie!) rollen wir bei Ward zu Hause unsere Schlafsäcke aus, dann zeigt man uns die örtlichen Bars.

Ward’s Leib- und Magen-Bar hat leider auch Nachteile: Die Kellnerin ist zwar knusprig, hält jedoch ansonsten nicht das, was ihr T-Shirt („Bite me!“) verspricht. Dafür kostet hier der – ebenfalls eisgekühlte – Dünnbier-Pitcher nur drei Dollar! Was liegt also näher, als sich auf Vaterland und Binde ein paar hinter die Krone zu kippen? – Oder war’s umgekehrt?! – Aber bei dem Preis kann man ja jede Version ausprobieren.

Unsere „Jerseys“ (Anglo-Fachchinesisch für „Radtrikot“) werden wir übrigens später auch noch einige Male auf dem Sportkanal ESPN wiedersehen: Die US-Olympia-Radmannschaft radelt im selben Outfit. Zufall kann’s keiner sein, die Typen sind offenbar genauso zäh wie wir. Der dazugehörige Werbespot ist aber auch mit Abstand der coolste dieses Sommers. Und jeder Ami, der ab und zu per TV-Gerät nach Atlanta schielt, kennt ihn. Wir ziehen also wie zwei verirrte olympische Fackelläufer durch die Lande, nun doch ein Grund, die aufdringlichen Karos mit stolzgeschwellter Brust zu tragen.


Über die Autoren

Stefan & Tobi

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