Wer Eier sät,

wird Hühner ernten.

Ovologie für Anfänger

 

Ein Tag wie eine Fata Morgana. Der Morgen beginnt mit der Einladung zu einem tollen Frühstück, bei dem wir endlich erfahren, was wir über die USA schon immer wissen wollten: Liz erklärt uns den Unterschied zwischen all den verschiedenen Zubereitungsarten für Spiegelei, die es in Amerika gibt (als Wirtin kennt sie sich da schließlich aus). Man sollte nicht glauben, was man mit Eiweiß, Eigelb und einer einfachen Pfanne alles anstellen kann! Wie durch oder nicht durch es ist, ob es gebraten wird oder nur geschmort – und wenn ja, auf welcher Seite – all das scheint nach ihren Ausführungen erst das Vorspiel zu sein.

Während uns Liz in diese uramerikanische Wissenschaft einführt (die Frage nach der Henne und dem Ei ist ein vergleichsweise europäisches Problem), serviert sie uns Kaffee, Bisquits mit Jelly, Gravy und zwei Spiegeleier „sunny side up“ (eine poetische Umschreibung für die simple Tatsache, dass dem Frühstückenden vor dem ersten Bissen der Dotter entgegenlacht).

Bevor sie uns aus ihrer mütterlichen Obhut wieder in die Alkaliwüste entlässt, schenkt uns Liz noch zwei Pfeilspitzen aus Obsidian, die sie selbst in mühevoller Kleinarbeit hergestellt hat und die nur ein Pfeilspitzen-Experte von jenen echten unterscheiden kann, die man auch heute noch mit etwas Glück am Rande der Salzseen findet.

Als wir Liz von der 395, die uns von Burns nach Alkali Lake gebracht hat, zum Abschied zuwinken, springt uns ihre Gastfreundschaft noch einmal so richtig ins Auge: Das Ganze ist ja eigentlich ein Restaurant, und die Einladung zum Frühstück ist daher noch einmal in einem ganz besonderen Licht zu sehen. Aber schließlich ist Liz auch nicht irgendwer, sondern – wie sie uns selbst erzählt hat – die Cousine von Garth Brooks (dessen Musik wir hinkünftig immer mit wunderlichen Spiegeleiern und Indianer-Pfeilspitzen in Verbindung bringen werden).

Wenig später passieren wir den einzigen Rastplatz seit Riley. Hier hätten wir ohne Alkali Lake wahrscheinlich die Nacht verbracht – und wären ziemlich nass geworden.

Die Strecke durch die Wüste ist eine der schönsten überhaupt. Nur alle Viertelstunde ein Auto (wer muss hier überhaupt durch und auf dem Weg wohin?), eine Unzahl von Raubvögeln am Himmel, glitzernd weiße Salzseen und endlose Hügelketten. Schließlich ein zerklüftetes Gebirge, durch das sich die Straße schlängelt, und eine erfrischende Abfahrt zu einem gänzlich unberührten See, der sich am Fuß des Albert Rims, einer riesigen geologischen Platte, ausbreitet. An dessen gegenüberliegendem Ufer schimmert golden und vegetationslos eine andere Wüste in der Sonne. Tausende Wasservögel leben hier, außerdem angeblich Klapperschlangen und Big-Horn-Schafe.

Im Schatten eines dünnen Felsvorsprungs vernudeln wir den am Vortag gekauften Nudelsalat (hihi). Am Kreuzungspunkt von 395 und 31 am Rande der ersten „Benzin-Oase“ seit Wagontire Station legen wir eine weitere Pause ein, um ein paar Cherry-Cokes zu tanken. Auf der 395 geht’s dann weiter bis Lakeview – die erste richtige Stadt, seit wir Idaho verlassen haben.

Das Rendezvous mit Cynthia klappt leider nicht: In der vereinbarten Bank liegt zwar eine kleine blaue Karte für mich – aber keine persönliche Nachricht oder ein Gruß von ihr, auch kein Abschiedsbrief. Auf der Karte steht wohl ein Name, allerdings bloß mein eigener. Ich bin traurig …  – Nicht einmal die Frau, die mir die Karte aushändigt, findet tröstende Worte, und ihr diensteifriges Lächeln kann mir die Begegnung mit Cynthia unmöglich ersetzen.

Herbergssuche in Lakeview: Vergeblich versuchen wir, über die örtliche Handelskammer, die die jährliche Oregon-Radrundfahrt organisiert, einen Schlafplatz für die Nacht zu ergattern. Als wir uns von dieser herben Enttäuschung in einem mexikanischen Lokal mit Kegelbahn erholen, kommen wir dabei mit der Chefin ins Gespräch: Sie ist vor gut 20 Jahren aus Mannheim eingewandert; ihren Ehemann Stan hat sie kennen gelernt, als er in Deutschland stationiert war. – Nachdem wir ihr unsere Geschichte erzählt haben, lädt sie uns ein, bei ihr zu übernachten.

Erika erinnert mich unwillkürlich an den Film „Out of Rosenheim“ …

Daheim bei Erika sitzt Stan mit seinem Hush-Puppy und ein paar Freunden vor dem Fernseher und schaut sich die Olympischen Spiele an. Während uns Erika als Nachspeise saftige Melonenvariationen serviert, läuft Michael Johnson mit seinen goldenen Schuhen 400-m-Bestzeit, und Carl Lewis streicht kurz darauf seine neunte Goldmedaille im Weitsprung ein.

Mitten in der Nacht werden wir von einem gewaltigen Unwetter wach, das über Lakeview niedergeht: wohlige Gedanken im Halbschlaf (draußen Sturm und Regen – drinnen ein warmes, trockenes Bett), ehe sich das Gewitter in unseren Träumen in feierliche Böllerschüsse und Fotografenblitzlicht anlässlich unserer Ankunft in Kalifornien verwandelt.
  

Ei, Ei…

Dass die Amerikaner ihren Eiern wesentlich mehr Aufmerksamkeit zuwenden als der durchschnittliche Europäer, ist eine kulinarische Tatsache. Aber sind sie deswegen auch kreativer? Was wir jedenfalls die ganze bisherige Reise über vermisst haben, war ein Restaurant mit echten Eispezialitäten. Dabei wäre es doch eigentlich ganz einfach, so eine Sache aufzuziehen. Einzige Regel, die es dabei zu beachten gilt: Der Amerikaner sieht in jedem Eidotter eine gelbe Sonne (was ein guter Eier-Terminologe unbedingt berücksichtigen sollte …).
 

Variationen mit Spiegelei:

Sun-spots (Sonnenflecken): Ei mit Pfeffer.

Sunburn (Sonnenbrand): Ei flambiert.

Protuberance (Protuberanz): Der Eidotter wird vor dem Servieren leicht angerissen.

Super Nova: Der Eidotter wird vor dem Servieren kräftig mit dem Löffel geschlagen.

Solar System (Sonnensystem): Ei mit Meatballs.

Pacific Sunset (Pazifischer Sonnenuntergang): Das Ei schwimmt zur Hälfte in kaltem Salzwasser. Der Gast sieht zu, wie es untergeht.

Sun-bath (Sonnenbad): Das Ei liegt zur Gänze in warmem Süßwasser. Der Gast wartet, bis es kalt ist.

 

Für den kleinen Hunger:

Solar Eclipse (Sonnenfinsternis): Gebratenes Eiweiß.

Equator Sun (Äquatorsonne): Gebratenes Eigelb.

Sunrise (Sonnenaufgang): Ein halbes Spiegelei.

Sunlight: Ein Spiegelei, das dem Gast aber nur gezeigt wird.


Über die Autoren

Stefan & Tobi

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