Rushing head long in the wind

Out where only dreams had been

Garth Brooks

 

Ein historisches Datum: „Am 60. Tage nach ihrer Abreise von der Ostküste des neuen Kontinents erreichten die beiden Pilger nach genau 5906 Kilometern gegen 11.20 Uhr den goldenen Staat Kalifornien. Das Land, nach dem schon so viele vor ihnen gestrebt hatten, der Traum, an dem schon so viele gescheitert waren!“ – Landschaftlich verändert sich allerdings nicht viel.

Mein Hinterrad hat kurz nach der Grenze beschlossen, Zahnausfall, pardon, Speichenausfall zu bekommen. Und zwar ausgerechnet auf der Seite, an der man ohne Spezialwerkzeug nichts auswechseln kann. Es reizt mich sehr, mit dieser „Leiche“, so, wie sie ist, nach Frisco weiterzufahren. Jedenfalls gibt’s hier weit und breit kein Radgeschäft. Und wir haben ohnehin nur noch eine Woche zu fahren.

Nachdem wir zu Mittag in einem kleinen Restaurant am Straßenrand Pastrami-Sandwiches verspeist haben, überrascht uns plötzlich ein seltsamer Wolkenbruch: Starker Wind, ansatzlos und unvorhersehbar aus dem Nichts, peitscht uns die Wassertropfen wie Nadeln um die Ohren. Nach fünf Minuten ist alles wieder vorbei.

Ich hab ein faustgroßes, wunderschönes Stück schwarz-roten Obsidian gefunden, das Stefan, trotz Größe und Gewicht, mitnehmen will. Ah ja, und dann hätte ich mich heute beinahe mit meinem ersten Autofahrer geschlagen, der mich auf menschenleerer Straße hupend und gestikulierend angepöbelt hat, weil ich in der Mitte der Fahrspur unterwegs war, und dem ich dafür meinen gestreckten rechten Mittelfinger zeigen musste. Er ist dann gut zwei Minuten im Schrittempo vor mir hergefahren und hat offenbar überlegt, ob er mir für diese unfreundliche Geste eine knallen soll (und was dabei für ihn zu holen wäre).

Wahrscheinlich hat er seine Schrotflinte nicht gefunden …

An der Grenze zu Kalifornien gibt’s Fahrzeugkontrolle: Wie an einer Staatsgrenze wird jedes Vehikel einzeln angehalten. Sehen will man allerdings weder unsere Reisepässe noch die selbst gedruckten Dollarscheine oder unsere gefälschten Beachboys-CDs, die wir am Strand von Malibu verkaufen wollten. Es geht um Gemüse! Lebensgefährliche Petersilie, tödlichen Kohlrabi, Fleisch fressende Zucchini. All dies und jede noch so ungefährliche Abart davon darf nicht nach Kalifornien.

„No Grünzeug!“, herrscht uns die Zöllnerin von ihrer Kabine aus an. – „Was??“ – „No Grünzeug into California!!!“ Ach so. Wir hatten wohl ein bisschen Petersilie in den Ohren. – Passieren dürfen wir trotzdem.

Am Abend erreichen wir nach 95 Kilometern Alturas. Es wird unsere erste Nacht in Kalifornien sein: Uns ist richtig feierlich zumute!

Vergeblich versuchen wir, mein Speichenproblem zu lösen (wer nach Alturas kommt, sollte nur kaputte Kettensägen und Rasenmäher der Marke Husqvarna zu reparieren haben, denn hier dürfte Kaliforniens Generalvertretung zu Hause sein), trösten uns aber mit Bananensplit und einem Erdnuss-Malt-Shake ganz gut darüber hinweg.

Anschließend machen wir eine verwaiste Kirche ausfindig und rufen von einem Nachbarhaus aus den dazugehörigen Pastor an. Pastor Bud (er sieht aus wie August Paterno) kommt prompt vorbei und nimmt uns mit zu sich nach Hause. Dort macht uns seine Frau Hazel ein tolles Abendessen: Geschnetzeltes mit Kartoffeln, Erbsen und Rahmsauce, des Weiteren knusprig gebackene Brotscheiben mit Traubengelee. Dazu schütten wir mindestens eine Gallone amerikanischen Trauben-Verdünnungssaft (ein Klassiker!) in uns hinein.

Als ich am späteren Abend meine Brille aufsetzen will, greife ich ins Leere. Ungläubig verteile ich den gesamten Inhalt meiner Radtaschen über das Bett, während ich vor meinem geistigen Auge noch einmal die einzelnen Vorgänge des heutigen Morgens abspule: In Gedanken ziehe ich mich noch einmal aus, betrete die Dusche, lege meine Brille ab, dusche mich und setze mir anschließend die Kontaktlinsen ein. Darüber, dass ich die Brille aus der Dusche hole und sie wieder in ihr Etui packe, finden sich leider keine Aufzeichnungen.

Sch…  – schön jedenfalls, dass ich meine Kreditkarte wieder hab!

Pater Bud ist schon ein toller Gastgeber: Als er erfährt, dass wir unterwegs ein paar US-Nummernschilder gefunden haben und die Dinger jetzt sammeln, schenkt er mir einfach die alten Tafeln, die bei ihm in der Garage hängen.


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Stefan & Tobi

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