If you’re going to San Francisco,

be sure to wear some flowers in your hair …

Scott McKenzie

 

Obwohl draußen bereits lange die Sonne scheint, können wir uns nur schwer von unseren himmlischen Betten und der sündhaften Gemütlichkeit trennen. Unser Aufbruch zeigt dann schließlich erstaunliche Parallelen zum Rauswurf aus dem Paradies: Wir sehen nicht nur, dass wir nackt sind (weshalb wir uns natürlich gleich unsere Jerseys anziehen), wir werden auch noch von der Erkenntnis überwältigt: Für diese Reise haben wir zu viele irdische Güter angehäuft! (Also trennen wir uns von dem Haufen Bücher, die wir naiverweise unterwegs lesen wollten.) Damit nicht genug, bekommt jeder von uns vom Butler noch ein Äpfelchen mit auf den Weg …

Als wir dann endlich auf der Straße sind, peitscht uns die Wirklichkeit gnadenlos ins Gesicht: Kleine Sünden straft der liebe Gott bekanntlich sofort und in Amerika offenbar besonders rasch. In diesem Fall ist es Windgott Äolus, der uns nach der gestrigen Laschheit (nicht einmal 100 Kilometer Quälerei) eine unmissverständlich westliche Brise schickt.     

Den ganzen Tag über bläst uns der Wind entgegen. Nachdem mir Tobi am Vormittag mit seinem Triathlonlenker auf und davon gefahren ist, fasse ich schweren Herzens den Entschluss, mir auch so ein teures Ding zuzulegen. Warum hat dieser Mensch eigentlich schon in Boston das richtige Zeug gekauft?

Nach dem Mittagessen schickt uns ein einheimischer Koch von Route 28, einer sechsspurigen Autobahn, auf eine Nebenstraße, wo es nach ein paar Meilen in einem Ort namens Woodstock ein Radgeschäft geben soll.

Irgendetwas ist anders in diesem Kaff. Das merken wir schon beim Hineinfahren: Überall schleichen so seltsam abgesandelte Typen mit einer Träne im Augenwinkel herum. Die Autos sind bunter und vergammelter als anderswo. Endlich fällt der Groschen. Als wir einen gleichaltrigen Passanten fragen, ob das hier möglicherweise das Woodstock sei, schnauzt der sichtlich genervt ob der blöden Frage zurück: „Ja, das ist das Woodstock! Oder haben wir hier nicht genug Hippies aufgestellt?“

Woodstock hat etwas von einer Künstlerkolonie. Alles ist ein bisschen märchenhaft: An jeder Ecke verkauft einer Nasenringe oder Räucherstäbchen oder handgedrehte Kerzen (oder handgedrehte Räucherstäbchen – was da wohl drin ist?).

In einem Lokal gibt’s Samuel Adams Lager – so viel man vertragen kann um sechs Dollar. Wir vermuten, dass sich das Angebot für zwei dauerdurstige Radfahrer auszahlen könnte. Außerdem soll Bier ja gesund sein, für die Nieren und so. Wir ringen uns durch, das Angebot auszuprobieren, und trinken ein Gläschen (auf die Nieren ganz allgemein, dann auf die linke, auf die rechte, auf die des Barkeepers, des Lokalbesitzers, der vielen unnahbaren Mädchen usw.).

Natürlich haben wir uns vorher ein kostenloses Nachtlager organisiert: Im Hinterhof des Woodstocker Radgeschäftes breiten wir eine zufällig gefundene Plastikplane über eine zufällig vorhandene Gartenlaube. Der Besitzer hat vorsichtshalber den Sheriff angerufen – der Arm des Gesetzes soll schließlich wissen, dass wir nicht zu den üblichen Typen gehören, die sonst in diesem Hinterhof herumlungern.

Woodstock entpuppt sich als die „ordentlichste“ Stadt des gesamten Kontinents: Natürlich gibt es hier hie und da Alkoholprobleme und auch so etwas wie Arbeitslosigkeit. Trotzdem, kein einziger betrunkener Sandler in der ganzen Stadt – dafür ein paar Hippies mehr als anderswo …


Über die Autoren

Stefan & Tobi

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