Holy Cow!

Lockruf

 

Und ich hatte gedacht, dass nur die Inder heilige Kühe kennen.

Wir schlafen lange und brechen erst nach 11.30 Uhr auf, dafür inklusive Frühstück. Es wird kein besonders toller Tag werden, wenn nicht irgendwo eines der üblichen Wunder passiert: Wir schnauzen uns die ganze Zeit an, und dank steten (wenn auch nicht übermäßig starken) Gegenwindes verläuft auch das Radfahren einigermaßen zäh.

Vor Moorcroft werden wir für ein paar Sekunden aus unserer Lethargie gerissen: eine heilige Kuh! – Nein: ein Rehbock. Aber dafür steht er mitten in der Schusslinie: Urplötzlich wachgerüttelt, treten wir in die Pedale. Das Vieh hopst mehrmals über die Straße. Wie ein Gummiball. Von links nach rechts, von rechts nach links und eine Zeit lang vor uns her; dann, als ob es plötzlich eine Eingebung bekommen hätte, springt es nach rechts, über einen zwei Meter hohen Wildzaun und ab in den Wald, noch bevor wir „Roadkill“ sagen können.

Da Moorcroft mit keinen weiteren Attraktionen aufwarten kann, fahren wir weiter nach Gillette. Gillette ist eine Bergbaustadt, was der Experte schon auf größere Entfernung erkennt, wenn ihm in regelmäßigen Abständen Güterzüge mit fünf Lokomotiven und bis zu 120 Waggons entgegenkommen. (Ein ausgeschlafener Buchhändler könnte hier bestimmt an jedem Bahnübergang das große Geschäft machen.) Unser Stimmungsbarometer pendelt sich bei knapp über null ein. – Was soll man von einem solchen Ort schon erwarten?

Eine halbe Stunde später haben wir ein ganzes Einfamilienhaus für uns (zweistöckig, Radio, Dusche, Küche …). Ein paar Minuten davor haben wir auf der gegenüberliegenden Straßenseite Vicky und Alex kennen gelernt, und dabei sind wir wohl endlich mal wieder an die richtigen Leute geraten: Das Haus, in dem wir schlafen, gehört dem örtlichen Baptistenpfarrer; und die zwei passen in seiner Abwesenheit darauf auf.

Nachdem wir geduscht und gegessen haben, laden uns Alex und Vicky auf einen Flipper- und Bierabend ein. Womit haben wir das verdient?! Nachdem wir mittels Flipperkonsole („Attack from Mars“) die irdische Zivilisation wiederholt vor dem Angriff niederträchtiger Marsmenschen gerettet haben, belohnen wir uns selbst und nehmen das Angebot der Erdlinge an, noch einen Tag in Gillette einzuschieben, um uns vor den kommenden Strapazen ein wenig auszuruhen.
 

Return to Innocence

Irgendwo haben wir auf den letzten 1000 Kilometern unsere Unschuld verloren. Nicht, dass das auf sexuelle Ausschweifungen zurückzuführen wäre (leider). Nein, es geht um diese naive Unschuld, die uns – für alle ersichtlich – im Osten anhaftete.

Ein klassischer Supermarkt-Dialog von damals: „Wo kommt ihr her?“ – „Ach, von um die Ecke.“ – „Und wo wollt ihr hin?“ – „San Francisco!“ – „Na, sieh einer an.“ (Oder wie der New Yorker sagen würde: „Well, good for you!“) – Die Folge: Mitleid. „Diese Leute sind doch wie du und ich! Ein bisschen verrückt vielleicht. Aber sonst? – Scheinbar brauchen sie Hilfe …“

Hier im Westen ist jetzt alles anders. Nichts ist mehr, wie es war: „Wohin? Nach San Francisco? Verdammt. San Francisco, das ist weit. Und wo kommt ihr her? – Boston???! Oh. Wahnsinn! Holy Cow! (Daheim am Land würde man vermutlich ersatzhalber ausrufen: ,Oida Euter!‘) You must be in good shape …“ Hmm, irgendwie überirdisch, diese Typen. Wie soll ich mich ihnen bloß nähern? Wer weiß, ob man das überhaupt kann?!

Dann schon lieber unschuldig als überirdisch. Nur, eine Rückkehr ist – wie jede andere Art von Umkehr auf dieser Reise – unmöglich.


Über die Autoren

Stefan & Tobi

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