Aufwachen in New York. Und gleich in den sauren Apfel beißen: Wir geben uns wirklich viel Mühe mit dieser Stadt – lassen uns die Haare schneiden, kaufen coole Sonnenbrillen, gehen im Central Park laufen, trinken quartweise mexikanische Margharitas und gallonenweise amerikanisches Bier, essen Hamburger und sehen uns sogar ein (eigentlich stinklangweiliges) Baseballspiel an.

Trotzdem, schon am zweiten Tag beschleicht uns eine gewisse Rastlosigkeit – ähnlich jener Unruhe, wie sie die Menschen in San Francisco 1989 vor dem großen Beben überkommen haben muss: Eigentlich ist nichts von dem, was wir hier trinken – äh, tun, für unsere eigentliche Aufgabe von Bedeutung! Wir vertrödeln Zeit …

Aber dafür gibt es gute Gründe: Eine Radfirma in Wisconsin hat sich bereit erklärt, uns für diese Reise die Ausrüstung zur Verfügung zu stellen. Nach Wunsch wird man uns zwei spezielle Fahrräder an ein Radgeschäft in Boston liefern, allerdings erst in drei Tagen.

Noch ist also Entspannen angesagt. Es gibt nichts, was wir tun könnten – jedenfalls nichts, um die Sache zu beschleunigen: An den drei Tagen ist nicht mehr zu rütteln. So lange müssen wir ausharren. Zeit genug, um inzwischen in New York ordentlich auszuflippen.

Tobi ist der Erste, er bekommt heute Mittag beim Laufen im Central Park plötzlich die Krise: allein gegen die großen USA, gegen die große Zeit und gegen den großen Schweinehund (und damit meint er nicht mich, sondern den eigenen, inneren) …  – Nachdem es mir gelungen ist, ihn wieder zu beruhigen, erwischt es wenig später auch mich.

Bei Stefan ist wie immer alles komplizierter.

Ich weiß nicht einmal, ob es das große Abenteuer ist, das mich beunruhigt, oder bloß die Tatsache, dass es einfach noch immer nicht begonnen hat. Oder hat es vielleicht schon lange begonnen, und ich habe es bloß noch nicht mitgekriegt? – Ich glaube, im Moment ist dieses Unternehmen USA ganz einfach etwas, das mich überfordert …

Dafür stelle ich mir Tobis Frage, ob wir es schaffen werden, gar nicht. Natürlich werden wir es schaffen. Selbstredend. Schließlich sind wir schon hier. Wer ins Wasser springt, hat ja auch nur zwei Möglichkeiten: schwimmen oder absaufen.

Ich schalte meine innere Eieruhr auf Abwarten: Aufkeimende Emotionen für dieses Land oder für die bevorstehende Reise unterdrücke ich – unfähig, für etwas Gefühle zu entwickeln, von dem ich nicht einmal weiß, ob es sie erwidern kann.

In der Zwischenzeit hilft nur Schäfchen zählen, Beinhaare ausrupfen oder Zehennägel schneiden. In einer Woche werden wir auf dem Rad sitzen, uns die Seele aus dem Leib strampeln und uns wünschen, wir hätten irgendwelche Reserven zu verbrauchen.

Toll! Und da soll man jetzt ruhig bleiben? Aber auszucken bringt auch nichts, ändert vor allem nicht viel. Es wird einfach so passieren. Unbegreiflich ist es trotzdem.

Unsere Vorstellung von diesem Kontinent ist mehr als beschränkt: Amerika ist einfach eine A4-Seite aus dem Atlas. – Eine respektlose Ansicht? Vielleicht. Aber drei Monate sind schließlich auch nur drei Seiten im Kalender. Vier Blätter Papier, die durch ein anfangs belangloses Gespräch in Wien willkürlich in Zusammenhang gebracht wurden. – Wir peitschen uns gegenseitig in eine hollywoodartige Euphorie hinein. Die Turnschuhwerbung auf MTV rät uns ja schließlich auch mehrmals täglich: „Just do it!“ Und jeder schaut drauf, dass der andere bloß nicht über den Rand der Scheuklappen schielt. Zu viel Vernunft tut dieser Idee nicht gut. Wenn wir doch nur jetzt schon wüssten, was diese drei Monate uns nachher bedeuten werden …

Bei Barnes & Noble kaufen wir die ultimative Karte für diese Reise: „Rand McNally Road Atlas“ im Sonderangebot – 6 Dollar 95 statt der üblichen 10 Dollar. Riesenmaßstab: eine Seite für jeden Bundesstaat. Jede andere Lösung (einzelne Karten, ein genauerer Atlas) ist uns zu teuer oder zu umfangreich.

Ist auch jeder Bundesstaat drin, den wir brauchen? Beim Durchblättern rasen die Gedanken in eine ungewisse Zukunft: ein Buch voller anonymer, leerer Seiten. Es liegt an uns, sie in den nächsten Wochen mit Entdeckungen, Geschichten und Bildern zu füllen. So abstrakt, so phantastisch sind die bunten Linien und Namen darin, dass wir uns wie Schatzsucher über jeden Baum und jeden Stein freuen werden, der in diesem Zauberbuch, wie in der Wirklichkeit, zu finden ist. Phantasie und Realität im Einklang – das Grundgesetz aller Amerika-Klischees.

Sagt man nicht, dass dieses Land alles Vorstellbare zulässt? Wird hier also alles wahr, wenn man nur dreist genug ist, es sich zu wünschen? Irgendein Typ soll einmal in ähnlicher Situation gesagt haben: „Wenn es Amerika nicht gäbe, müsste man es erfinden.“ Wir wissen es besser: Es gibt Amerika wirklich. Das ist uns gleich am Flughafen in New York aufgefallen …

Unser neuer Atlas enthält keine Steigungs- und Gefälleangaben. (Wer braucht die schon?!) Und der Übersicht halber hat Rand McNally kleinere Straßen und Dörfer einfach weggelassen. Manchmal werden wir deshalb unterwegs glauben, wir hätten diese Ortschaften entdeckt.

Tobi fragt sich, was wohl all die Leute gerade machen, die wir im Laufe der drei Monate treffen werden. Gute Frage. Für mich existieren diese Leute noch nicht. Genauso wenig, wie dieses Land existiert. Es ist völlig fiktiv, eine Erfindung meiner Phantasie. Ich bin mir nicht einmal sicher, ob es die Menschen, denen wir begegnen, auch dann noch geben wird, wenn wir wieder fort sind.

Es wird tatsächlich eine Art Entdeckungsreise sein: eine Entdeckungsreise quer durch Nordamerika, aber auch eine in uns selbst. Eine, die jeder anders erlebt, der sie wagt. Wir werden Orte und Menschen entdecken, von denen angeblich jeder wusste und die doch keiner sah. Unsere Mission ist friedlich: Wir wollen die Spuren der ersten Siedler streifen und der Erosion durch dahinhechelnde, motorisierte Touristen den Rücken kehren. Selbst wollen wir keine Spuren hinterlassen. Sehen und erleben, nicht verbrauchen und zerstören, geschweige denn irgendetwas oder irgendjemanden erobern. – Eine innige Beziehung eingehen wie der Regenwurm mit der Grasnarbe? Ja. Über dieses Land herfallen wie Bulldozer über einen Porzellanladen? Nein. – Amerika neu und nur für uns öffnen. Behutsam und ganz allmählich, Tritt für Tritt sozusagen.


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Stefan & Tobi

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