In aller Frühe stehen wir wieder bei „International Bicycles“ auf der Matte. Als wir den Laden betreten, kann man einige der Jungs hinter unserem Rücken richtig mit den Augen rollen hören: „Die schon wieder!“        

Immerhin – die neuen Räder sind da. Jungfräuliche grüne Gary Fisher Utopia Mountainbikes, Pedale aus Aluminium, Shimano-Gripshift-Schaltung, 21 Gänge. Warum nicht gleich?

Während wir an unseren neuen Lebensgefährten herumschrauben, hören wir uns Geschichten an über Leute, die „es“ versucht haben. Die Durchquerung des Kontinents natürlich, nicht das Zusammenbasteln fabrikneuer Fahrräder. Viele Leute, die nach Westen fahren, geben irgendwann auf, wird erzählt. Wegen des Windes, sagt man. Der kommt nämlich um diese Jahreszeit immer von Westen – angeblich.

Wir lassen uns gründlich beraten. Regensocken, Regenhose, Satteltaschen. Stefan nimmt sich andere Pedale, ich suche mir einen weicheren Sattel aus, montiere Schmutzfänger und lasse mir einen so genannten „Camelbak“ aufschwatzen (ein Wasserrucksack mit Ein-Meter-Strohhalm). Der Verkäufer meint, ich werde ihm dafür noch dankbar sein. Ich bin trotzdem skeptisch – außerdem hasse ich aufdringliche Verkäufer. Aber irgendetwas in mir sagt: „Kauf dieses sauteure Ding, du wirst dem Mann dafür noch die Füße küssen wollen!“ – Ich gebe mich geschlagen. Die innere Stimme kichert hämisch, die äußere gratuliert mir mit einem Präsidentenberater-Grinsen zu diesem äußerst weisen Entschluss.

Mich beschleicht eine böse Vorahnung: Ungewöhnlich wenig Platz auf diesem Rad. Ist der Rahmen vielleicht zu kurz? Wir wechseln den Lenker. Das Gefühl verbessert sich nur unwesentlich.

Es dauert alles ziemlich lange. Während Stefan mit seinen neuen Pedalen – Shimano-Clips, die die Kniegelenke schonen sollen – herumspielt, gehe ich in den Nachbarladen, kaufe zwei aufblasbare Isomatten und zögere dann eine Sekunde zu lange, um auch ein kleines Notfallzelt zu kaufen.

Das hat man nun davon, wenn man zu zweit reist: Stefan glaubt allen Ernstes, wir werden mit zwei Plastikplanen, die wir im Sonderangebot um 79 Cents in New York gekauft haben, auskommen. „Wir müssen!“, behauptet er. „Wegen des Gewichts und des Gepäckvolumens.“ Irgendwie gelingt es ihm, meine Vernunft zu unterspülen. Aber ich streiche noch sehr lange mit schlechtem Gewissen um die Zeltabteilung herum.

Gerade, als wir zu erkennen beginnen, dass es auch heute kein Loskommen geben wird, betritt Joe den Laden. Joe ist der Boss einer örtlichen Microbrewery und trägt seinen beachtlichen Bierbauch wie ein Herrschaftssymbol vor sich her. Als er hört, dass wir das Land durchradeln wollen, erstarrt er einen theatralisch gespielten Augenblick lang vor Ehrfurcht und läuft dann in grenzenloser Verzückung zurück auf den Parkplatz zu seinem Pick-up. Einen Augenblick später ist er wieder da: „Jungs“, sagt er auf Uramerikanisch, „könntet ihr mir nicht einen Gefallen tun?“ Dann drückt er uns zwei Gallonen „Indian Pale Ale“ (I.P.A. oder „Ai-Pi-Ej“, wie die Amis liebevoll sagen) und „Nut Brown Ale“ (NBA hat hier leider schon eine andere Bedeutung) in die fassungslos – aber dennoch gierig – geöffneten Hände. Wir dürfen das Bier behalten, erklärt er uns, wenn wir bis zur Staatsgrenze von Massachusetts seine (wirklich feschen) Radtrikots mit dem Firmenlogo „Pilgram Ale“ tragen. Schweren Herzens willigen wir ein. Nach ein paar herzhaften Schlucken Ai-Pi-Ej sieht die Welt dann gleich viel netter aus.

Zu unserem Erstaunen gelingt es uns tatsächlich, das gesamte Gepäck in die soeben erworbenen Radtaschen zu stopfen. Diese passen zwar nicht auf den Radträger, aber nach ein paar weiteren Schlückchen aus der Ai-Pi-Ej-Bottle finden wir auch dafür eine Lösung: Wir bohren einfach neue Löcher in die Halterung (genial!). Zwei Stunden nach Ladenschluss sind wir wirklich startklar. Restlos fertig. Morgen früh soll uns nichts mehr aufhalten.

Wir übernachten bei Nick aus dem Radgeschäft. Gemeinsam mit ihm treffen wir die allerletzten, lebenswichtigen Reisevorbereitungen: Nick bekommt etwas von unserem Pilgrim Ale ab – so viele Mineralstoffe können zwei sportliche Radfahrer allein gar nicht verdrücken –, er hilft uns dafür mittels „Sega Gamegear“, unsere Selbstverteidigungskenntnisse sowie die richtige Fahrtechnik auf Kaliforniens Highway One zu verbessern. Irgendwann, nach vielen, vielen Mineralstoffen und etlichen tausend Computermeilen, bringt uns das Sandmännchen endlich die wohlverdienten Träume – die letzten, bevor morgen unsere große Traumreise beginnt.


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Stefan & Tobi

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