Against the Wind

Bob Seeger

 

Beschränkte Welt

In rauen, unberechenbaren Böen bläst der Wind von Südwest die Straße herauf. Längst habe ich mich in den Triathlonlenker verkrallt, den Kopf demütig und resignierend zu Boden geneigt, den Blick vom Horizont gelöst und gesenkt, und starre durch mein Lenker-Dreieck auf den grauen, unter mir davonfließenden Asphalt. Alles, was ich dazu sehen muss, ist das schmale weiße Band, das die Straße vom Pannenstreifen trennt und konstant 20 Zentimeter rechts von meinem Vorderrad dahinläuft. Wie der Leitstrahl, der ein Flugzeug bei Nacht und Nebel auf die Landebahn holt. Schmerzfrei ist diese Körperhaltung nicht, aber sie ist das geringere Übel, an das ich mich längst gewöhnt habe. Mein linker Fuß schläft mit der Zeit ein, auch eine verzweifelte Positionsänderung auf dem Pedal ändert daran nichts. Meine Knie knirschen leise, aber leider unüberhörbar. Die Nase läuft chronisch vom Heuschnupfen, das linke Auge ist trocken vom ewigen Südwestwind.

An meinem Handgelenk trage ich das Lederband, das ich im Indianerreservat gefunden habe. Ich schaue jetzt immer wieder darauf, wenn ich Kraft brauche. Und das ist oft der Fall. Das Band macht sich gut auf der jetzt sonnengegerbten, dunklen Haut. Vor mir schaukelt in Augenhöhe der kleine wassergefüllte Autokompass, den ich mit Klebeband befestigt habe. Die Kugel tanzt und hüpft unkontrolliert im Kreis. Darunter der Radcomputer mit seinen schwarzen, unbestechlichen Digitalziffern, auf die ich viel zu oft schiele.

In dieser beschränkten kleinen Welt spielt sich mein heutiger Tag ab. Der Blick wandert, wie von einer Schnur gezogen, auf ewig gleichen Pfaden: Eins – Straße. Zwei – Tacho. Drei – Kompass. Vier – Armband. Eins – Straße. Zwei – Tacho. Drei – Kompass …  Wie ein Tier, das unruhig in seinem Zoogehege auf und ab läuft. Oder besser: wie ein Schrebergärtner, der den ganzen Tag das Wachstum seiner Tulpen kontrolliert.
 

Nach einem langen, erholsamen Vormittagsschläfchen und einem nicht ganz so langen, aber ebenfalls sehr angenehmen mexikanischen Brunch ist es schon fast halb eins. Nichtsdestotrotz beschließen wir, heute noch die beinahe 90 Meilen nach Arco zu fahren. – Schade nur, dass wir dabei die Rechnung ohne den Wind gemacht haben.

Eine unfassbar mühsame Etappe! Bereits nach wenigen Meilen kommen Zweifel auf, ob wir unser heutiges Tagesziel überhaupt erreichen werden. Dabei basiert dieser Plan ja lediglich auf einem blöden Rechenspiel: Es ist der 50. Tag unserer Tour. Stefans Tachometer zeigt 2915 Meilen seit Boston. Und nach all den fetten und faulen Tagen wollen wir die 3000 unbedingt noch voll kriegen, um damit unseren stolzen 60-Meilen-Schnitt wieder einzuholen.

Unsere Mittagspause verbringen wir an einem Ort mit dem klingenden Namen Food City. – Am Ortsausgang erwartet uns eine willkommene Abwechslung: Auf einem alten Flugfeld veranstalten ein paar Locals mit ihren auffrisierten Autos Wettrennen. Gerade gibt einer seiner Corvette mit qualmenden Reifen die Sporen und peitscht den Hecktriebler mit heulendem Motor durch den Slalomkurs. Zwischen ein paar undefinierbaren Eigenkreationen steht auch eines jener alten Dodge-Polizeiautos, wie sie früher mit Vorliebe in Bud-Spencer-Filmen bei Verfolgungsjagden zerstört wurden.

Vielleicht, wenn wir ganz lieb fragen, vielleicht dürfen wir dann … – Wir dürfen. Zwar nicht selber, aber wenigstens als Beifahrer mit Sturzhelm und festgezurrt wie einst bei Muttern im Kinderwagen.

Das ist allerdings auch Kick genug. Ich entscheide mich für den Corvette-Fahrer, der mein Vertrauen in seine Fahrkünste gleich mit einem „Burnout“ (durchdrehende Reifen bei stehendem Auto) auf die Probe stellt. Auf dem Parcours bin ich allerdings angenehm überrascht. Die Corvette zieht selbst bei abenteuerlicher Schräglage wie auf Schienen um die Kurve. Einzig bei der Wende am unteren Ende des Flugfelds wandert auf einmal das Heck an der Beifahrertür vorbei.

Als ich mich nach 43,56 Sekunden einigermaßen sprachlos aus dem Sportsitz schäle, ist Stefan weg. Ein County-Sheriff drückt mir grinsend seinen Radhelm in die Hand und deutet auf die Rennstrecke. Dort schlingert gerade die Polizeikarre mit Blaulicht, blinkenden Scheinwerfern und Sirene über die Piste – am Lenkrad ein Cop, daneben eine Gestalt, die ich an ihrem Radtrikot wieder erkenne. Natürlich! Es musste ja das Polizeiauto sein. Wie ein Ozeandampfer in höchster Seenot windet sich der 70er-Jahre-Dodge heulend an den Gummihütchen vorbei. Dass man ein altes Auto überhaupt so quälen darf! Aber der Bursche am Lenkrad hat offenbar Klasse. Die Wende meistert er mit beinahe stehenden Vorderrädern, wirft nur das qualmende Heck herum und passiert die Messstelle bei 44,22 Sekunden. Hut ab!

County-Sheriff Bob, nachdem er den Zündschlüssel abgezogen und zum Fenster rausgespuckt hat: „Ich kenne diesen Wagen besser als meine Frau. Wenn ich bei diesem Baby Gas gebe, dann weiß ich immer genau, wann und wie heftig sie kommt … “

Wir steigen wieder auf unsere eigenen heißen Öfen um. Es ist doch etwas ganz anderes, wenn man selber am Steuer sitzt.

Wenige Meilen hinter der Stadtgrenze verfolgt uns auf der linken Straßenseite auf einmal ein Sandsturm. – Was sollen wir bloß tun? Fliehen? Uns ergeben? Oder uns einfach irgendwo unterstellen? – Verdammt: Das Ding sieht wirklich aus wie einer dieser bösen Tornados aus dem Film „Twister“! Kühe fliegen allerdings noch keine herum.

Zu unserem Glück ist der Mini-Tornado jedoch eher entscheidungsschwach: Als er nach einigen Minuten Beobachtung weder Wachstums- noch Beschleunigungstendenzen zeigt, lassen wir ihn kurzerhand links liegen und suchen so schnell wie möglich das Weite. – Später werden wir dann erfahren, dass das Gelände abseits der Straße Testgebiet des Energieministeriums ist. Was die hier wohl für seltsame Versuche anstellen?

Als ich in Howe bemerke, dass meine Kreditkarte verschwunden ist, haben wir immerhin schon 67 Meilen zurückgelegt. Der Appetit aufs Abendessen vergeht mir allerdings vorerst; die Formalitäten (Karte vergeblich suchen und dann sperren lassen) dauern über eine halbe Stunde. Wegen meiner Sagebrush-Allergie läuft mir die ganze Zeit über die Nase.

Mit Arco als Tagesziel wird das verdammt knapp werden!

Als wir weiterfahren, geht es schon auf acht zu. Wir treten wie die Wahnsinnigen, kämpfen gegen den starken Wind an. Es ist eine Tortur. Wenn wir anhalten, eine Pause machen, die müden Beine ausschütteln, ist es dunkel, bevor wir in Arco sind. Und andere Städte gibt es bis dahin nicht mehr. Auf der sandigen, staubigen, teilweise nicht einmal asphaltierten Straße liegt jede halbe Meile eine überfahrene Schlange. Übernachtung im Freien scheidet heute also aus.

Wir erweisen uns als hart. Wieder einmal.

Ich habe aufgehört, darüber nachzudenken, wo wir heute übernachten werden. Der Wind hat mich zermürbt, scheinbar sämtliche Windungen meines Hirns glatt geblasen – ein stumpfer, müder Tretroboter. Kurz bevor ich in bodenlose Lethargie stürze, passiert mit Stefan irgendetwas, das ich mir noch Monate nach unserer Reise nicht befriedigend erklären kann: Mit einer Kraft, die mir in unserem Zustand völlig unwirklich vorkommt, zieht er plötzlich kommentarlos an mir vorbei. Selbst in seinem Windschatten habe ich Mühe, das Tempo zu halten. Ich kann einfach nicht glauben, dass er auf mich warten würde, wenn ich einfach schlappmache, und rede mir deshalb ein, dass ich keine andere Wahl habe, als an ihm dranzubleiben. Tatsächlich „zieht“ mich Stefan wie an einer unsichtbaren Schnur in einem Gewaltakt die letzten 24 Meilen bis Einbruch der Dunkelheit nach Arco.

Im letzten Tageslicht rollen wir in die Stadt. Arco feiert gerade 50 Jahre Atomifizierung (der Welt allererstes Kaff mit Atomstrom, schau, schau!). Nach einer anfänglich missglückten Herbergssuche gewährt uns schließlich ein Baptistenpfarrer Unterschlupf im Turnsaal seiner Kirche (es gibt eben noch so viel über die praktische Umsetzung von Glauben und Religion zu lernen).

Auf der Suche nach einem ordentlichen Abendessen laufen wir die ganze Stadt ab. Aufgebohrte, röhrende Achtzylinder-Fords machen mit ihren halbwüchsigen Insassen jede Straßenüberquerung zum Abenteuer. Drinnen, in den Lokalen und Bars, verstecken sich jung gebliebene Greise unter Cowboyhüten.

Ich hab noch nie so viele nagelneue dunkelblaue Levis-501-Jeans auf einen Haufen gesehen – außer beim Levis-Händler meines Vertrauens. Und diese peinlichen, nietenbesetzten weißen Cowboystiefel überall!

Auf dem Rückweg schießt auf einmal eine riesige Sternschnuppe über den Himmel. Weil das Ding auf alle Fälle gute zehn Sekunden lang zu sehen ist, bleibt uns genug Zeit, einen kleinen Wunschkatalog durchzubeten. Punkte eins bis drei auf der Liste – Essen, Unterkunft und Gartenschlauch – haben sich für heute allerdings bereits erfüllt.
  

Das letzte Stück

In unseren bisherigen Routenbeschreibungen hat sich der letzte Satz immer ungefähr so angehört: „… dann Yellowstone und nachher runter nach San Francisco.“ Wir sind also schon auf der Zielgeraden. In der Tat: Nicht einmal 1200 lächerliche Meilen liegen jetzt noch vor uns.

Bloß: Dieser letzte Abschnitt begann wie ein Keulenschlag. Arrogant sind wir geworden; als ob sich die letzten 2000 Kilometer ganz von selber radelten. Tatsächlich gingen uns nach der langen Pause in St. Anthony die ersten 90 Meilen nur allzu schwer von der Hand. Beim Kartenstudium stellen wir uns die nächsten zwei Tage gemütlicher vor: Die Städte haben angenehmere Abstände; nur 140 Meilen durch zwei – das ist machbar.

Aber auch solche Prognosen haben sich schon oft genug als falsch erwiesen. Auf alle Fälle ist es noch immer kein Spaziergang bis San Francisco. Noch sind wir nicht da. Es kann noch alles passieren. Wie in Yellowstone.


Über die Autoren

Stefan & Tobi

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