First blood.

Rambo I

 

Stefan spinnt! Er wirft mir vor, ich würde mich nur um mich kümmern und ihm ständig davonfahren, wenn es ihm besonders mies geht. Ich merke davon allerdings nicht sonderlich viel, weil er mir seine miesen Phasen verschweigt. Ich sage, er könne mich doch einfach um Hilfe bitten (Windschattenfahren, langsamer etc.). Er will das nicht, weil er es für Arschkriecherei hält, ich müsse das doch bemerken, er könne das doch schließlich auch.

Ich spüre den gestrigen Tag und insbesondere die Nacht davor. Gestern habe ich für Tobi zwei Stunden lang den Dodel gespielt und ihn stillschweigend in meinem Windschatten hinter mir hergeschleift. Und was macht er heute?

Nach einem Streit fahren wir 22 Meilen allein.

Ich ärgere mich über Tobi so sehr, dass ich einfach nicht mehr anhalte und allein nach Madison davonfahre. Die Wut im Bauch gibt mir die Motivation dazu.

Ich kann tun, was ich will, aber der Spinner ist nicht mehr einzuholen und bald außer Sichtweite. Nach fast zwei Stunden sitzt er plötzlich kurz vor Madison am Straßenrand. Er habe 20 Minuten auf mich „gewartet“ und wolle jetzt mit mir (!?) Mittagspause machen (Powerbar-Festschmaus – igitt!).

In der darauf folgenden Brüllorgie schreien wir uns eine Dreiviertelstunde lang an. Autofahrer verlangsamen auf dem dreispurigen Highway ihre Geschwindigkeit, um zu sehen, was da vor sich geht. Gut möglich, dass wir inzwischen schon im Verkehrsfunk sind. („Achtung, Achtung, auf Route Nummer 151 schreien sich zwei Radfahrer an. Der Stau reicht bereits mehrere Meilen zurück …“) – Wenn wir einen Hut aufgestellt hätten, wir hätten mit unserer Attraktion vermutlich ein kleines Vermögen verdienen können. Die wenigen Pausen, in denen statt der Schreierei nur das harmonische Dahinplätschern des amerikanischen Autoverkehrs zu hören ist, brauchen wir jedoch zum Luftholen. – Als wir fertig sind (wir sind inzwischen so heiser, dass wir kein verständliches Wort mehr herausbringen), geht es uns dann wieder besser. Wir waren ohnehin zu früh dran. Mit einer Abweichung von weniger als fünf Minuten zum vereinbarten Zeitpunkt erreichen wir schließlich die Radzentrale in Madison.

Das Radgeschäft und „Connie“, unsere Kontaktfrau, benehmen sich verblüffend professionell. Nachdem man ausgiebig meine Probleme (krummer Rücken, schmerzende Knie) studiert hat und die Montage eines neuen Lenkers nichts hilft, stellt man mir für den nächsten Tag ein ganz neues, größeres Rad in Aussicht.

Wir übernachten bei Mary, der Tochter des Firmenbesitzers, deren Haus an einem nahen See liegt, und werden am Abend Zeugen eines martialisch-schönen Sonnenuntergangs: Mit Todesverachtung stürzt sich der lodernde Feuerball ins dunkelrote Wasser und der Himmel füllt sich mit apokalyptischen Wolken, während die immer länger werdenden Schatten der Uferbäume still und heimlich das restliche Tageslicht in sich hineinschlürfen. Was für ein Anblick!

In mein Tagebuch notiere ich zum heutigen Tag zwei neue „Patschen“ (macht fünf in nur drei Wochen; Stefan hatte noch keinen). Und: Madison ist die erste Stadt seit Boston, in der es wirklich gutes Bier gibt.

Diese Stadt ist eine Insel in einem Meer von Budweiser! Und Tobis platte Reifen erinnern mich inzwischen immer mehr an die Komödie „Ein Tolpatsch kommt selten allein“: Mir geht es dabei wie Pierre Richard, der im Laufe des Films sein sprichwörtliches Dauerpech immer besser an seinem höhnischen Reisegefährten Gerard Depardieu abwischen kann. (Hehe …)
  

Kurvenlage

Was sich schon in den vergangenen Wochen abgezeichnet hat, ist seit heute klar: Unsere Stimmungskurven verlaufen auf dieser Reise vollkommen gegenläufig. Geht es dem einen schlecht, dann fühlt sich der andere meistens erstaunlich gut. Eine Reaktion löst immer eine Gegenreaktion aus.

Heute hat diese Differenz wohl zur Explosion geführt. Doch in den Wochen, die noch vor uns liegen, werden wir genau aus dieser Fähigkeit das Potential schöpfen, unser Abenteuer wohlbehalten zu Ende führen zu können. Diese „Kurventechnik“ ist unsere Reiseversicherung: Keine Verzweiflung ohne Zuversicht, kein Schwächeanfall ohne Kraftausbruch, keine kleinlaute Resignation ohne strotzende Willenskraft. Die vollkommene Katastrophe gibt es nicht.

Möglich, dass ein Zustand wie dieser nur aus der Rivalität zweier Geschwister entstehen kann: Aus der unerschütterlichen (und letztlich nicht beweisbaren) Überzeugung, all das prinzipiell auch zu können, was der andere kann.

Oft hat man uns gefragt, wer von uns eigentlich der Reiseleiter ist. Eine gute Frage. Tatsächlich vollzieht sich Tag für Tag eine Unzahl situationsbedingter Führungswechsel. Es ist beileibe kein zufälliger Prozess. Aber steuern lässt er sich deswegen noch lange nicht – und zumeist nicht einmal vorhersagen.


Über die Autoren

Stefan & Tobi

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