Buy an oven!

Jim, der Maler

 

Typisch Amerika: Ständig will einem irgendwer irgendwas aufschwatzen!

Den Vormittag verbringen wir damit, unsere Räder auszuprobieren und letzte Probleme zu lösen. – Gegen halb eins brechen wir auf.

Jedes neue Rad ist quälend: Der Rücken sticht, die Handgelenke schmerzen …

Dem Mann kann man wirklich gar nichts recht machen!

Auf Straßenrand und Pannenstreifen ist heute zur Abwechslung mal Glas gesät. Aber nachdem wir das Ausweichen schon im Osten geübt haben (damals mit grünen Raupen und roten Echsen), stellt diese neue Schwierigkeitsstufe nun keine wirkliche Herausforderung mehr dar.

Trotzdem, irgendwie hat es den Anschein, als wären wir auf die offizielle Teststrecke für die von „Trek“ montierten Touringreifen geraten. Die Neuen bestehen den Test auf alle Fälle glänzend: Der Gummimantel ist einfach so dick, dass nicht jeder dahergelaufene kleine Glassplitter in den Intimbereich (vulgo: Schlauch) vordringen kann. „Safer Cycling“ made by Conti.

Die „wilde, ungesicherte Welt jenseits aller gesicherter Vorposten“ empfängt uns wider Erwarten höflich und wohlerzogen: laue Temperaturen, verrückte Wölkchen über den hübschen Ebenen von Wisconsin, leicht überflutetes Land, daher überall glitzernde Seen, sattes Grün und auf der 14 wenig Verkehr.

Zu der äußeren Schönheit gesellt sich auch noch innere Zufriedenheit: Keine Sorgen, einen Haufen verrückter Storys zu erzählen, mindestens so viele zu erleben und das wunderbare, befriedigende Gefühl, integraler Teil eines unglaublichen Abenteuers zu sein. – Ich hoffe bloß, dass ich nicht danach süchtig werde!

Nach einer Pause habe ich plötzlich blinde Passagiere an Bord: Ein versprengter Stoßtrupp Ameisen turnt auf meinem Fahrrad herum und erinnert mich dabei gleich an ein halbes Dutzend Episoden aus der Zeichentrickserie „Biene Maja“.

Die Sache mit den Ameisen beschäftigt mich den ganzen Tag: Immer, wenn ich eine von ihnen erwische, blase ich sie in hohem Bogen in den Fahrtwind hinein. Und immer wieder kommen neue nach! – Nach reiflicher Überlegung komme ich letztlich zu dem Schluss, dass Ameisen nur deswegen auf Radfahrer klettern, weil sie fliegen wollen. – Eine bahnbrechende Erkenntnis.       

Stefan muss mal wieder alle meine Illusionen bezüglich des „wilden und ungesicherten“ Landes zerstören: Nachdem er seine Kreditkarte mitsamt den übrigen Ausweisen in der Zentrale in Madison vergessen hat, lässt er sie sich kurzerhand per Auto nachbringen.

Wir übernachten schließlich in Richland, im Garten des Malers Jim. Jim pinselt nicht etwa Zimmer aus, er malt Porträts. Jetzt sei das besonders einträglich, erzählt er uns: Seit dem Golfkrieg wollten sich nämlich viele Generäle bei ihm „verewigen“ lassen. – Jim lebt technisch auf dem neuesten Stand: Er ist im Besitz einer Standardausrüstung für zufällig vorbeikommende Radreisende (Iglu-Zelt, Gartenschlauch und Partygrill) – und gerade uns stellt er das gesamte Set kostenlos zur Verfügung.

Außerdem ist Jim so nett, mit Stefan einkaufen zu fahren. Als die beiden mit saftigen Steaks, Zwiebeln, Tomaten und kaltem Coke zurückkehren, veranstalten wir eine Drei-Mann-Gartenparty.

Jim steckt voller erfrischender Weisheiten. Eine Kostprobe: „Man sagt, dass die Einwohnerzahl hier immer gleich bleibt. Jedes Mal, wenn ein Baby geboren wird, verlässt ein Typ die Stadt.“

Jim ist es auch, der uns über die amerikanische Küche aufklärt: Ob es da wohl einen Trick gibt, um in den Staaten zu gutem Brot zu kommen? – „Klar. Kauft euch einen eigenen Ofen.“ – Ausgerechnet er sagt das. Wo er selbst noch nicht einmal einen Fernseher besitzt. Wenn es nach ihm geht, sollen seine Kinder nämlich ohne „das Ding“ aufwachsen. Und so jemand lebt in den USA!

Für diesmal müssen wir jedenfalls auf den Ofen verzichten. Sorry, Jimmy! Den Kocher haben wir ja auch schon rausgeschmissen.
  

Telefonbedienung in den USA

Fast alles, was in good old Austria staatlicher Regelung unterliegt, ist im Land der unbegrenzten Möglichkeiten Privatsache. Besonders bemerkenswert ist diese Entwicklung auf dem Glücksspielsektor. Der absolute Renner ist hier nämlich zugleich ein ausgesprochener Klassiker: das öffentliche Telefon! In den USA ist natürlich auch dies schon lange im Besitz von Privatfirmen. Und ebendiese profitorientierten Gesellschaften legen weder auf landesweite Vernetzung noch auf Kooperation mit der Konkurrenz überflüssig viel Wert.

75 Cents Grundeinsatz sowie der bescheidene Wunsch nach einer Standardverbindung (z. B. Richland/Wisconsin – Los Angeles), und schon liegt dem begeisterten Spieler die reizvolle Welt des Crosscountry-Phone-Gambling zu Füßen: Benötigte Zeit zum Aufbau der Verbindung nicht unter fünf Minuten, der Rest (richtiger Staat, richtige Stadt, richtige Nummer) hängt von Geschick und Ausdauer des Gamblers ab. Der chromglänzende Münzfernsprecher wird zum einohrigen Banditen. Nervenkitzel pur! Abendfüllende Unterhaltung garantiert. Interaktives Zeit-Thrashing! – Und jede Wette: Telefonsex ist zäh und langatmig dagegen …

Leider macht Phone-Gambling, wie jedes andere Glücksspiel, süchtig: Sollte die Verbindung eines Tages wirklich zustande kommen, dann hat man guten Grund, sich Sorgen zu machen. Mit Sicherheit hat man dann zu viel Zeit vor dem Gerät verbracht. Der Weg zu den anonymen Telefonikern ist vorprogrammiert.


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Stefan & Tobi

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