It’s a long way. But some day they’re gonna find you out there …

Einheimischer Philosoph

 

Derart aufgemuntert geht es nun also mitten durch die Sagebrush-Wüste: In Oregons High Desert leben auf einer Strecke von 200 Kilometern – exakt gezählt – 60 Menschen. Und die wiederum fast alle in einem einzigen Dörfchen: Juntura. – Diesen Punkt auf unserer Landkarte wollen wir heute unbedingt erreichen, bevor die große Nachmittagshitze losbricht.

Wir starten konsequenterweise früh. Weil nur die Tankstelle von Vale Kreditkarten nimmt (und wir nicht so viel Bares bei uns haben), frühstücken wir auf Tobis Karte warme überbackene Hackfleisch-Röllchen und Kartoffel-Cheddar-Kroketten aus der Snack-Ecke.

Danach geht es zügig dahin. Die Landschaft ist rau, aber schön, und das morgendliche Wetter warm und angenehm.

Am Straßenrand wächst plötzlich völlig unmotiviert ein kleiner Springbrunnen aus dem Gestein: klares, kaltes Wasser, das ein angenehmes und problemloses Schlussstück nach Juntura zu garantieren scheint. Trotzdem machen wir, nur so zum Spaß, ein paar fingierte Aufnahmen von erschöpften Radfahrern, die halb verdurstet auf allen vieren zum sprudelnden Felsen kriechen.

Gar herzlich feixen wir über diese trefflich komische Darbietung. Dabei ahnen wir nicht den wahren Wert des Quells, die unermessliche Wichtigkeit des klaren Tropfens, der just in dem Moment, als wir ihm leicht und fröhlich scherzend den Rücken kehren, bereits wieder aus unseren Flaschen zu verdunsten beginnt …

So erreichen wir gegen ein Uhr – gut gelaunt und einigermaßen frisch – Juntura, unser heutiges Etappenziel, bestehend aus einem guten Dutzend Häuschen, die etwa noch einmal 100 Kilometer vor Burns, der nächstgrößeren Stadt, liegen.

Wir trinken im Schatten des Lebensmittelladens ein paar Becher Sprite. Und langweilen uns zu Tode. Es gibt hier einfach nichts zu tun. Und dass in Juntura die einzigen Menschen in einem Umkreis von 100 Kilometern leben, hat sich offenbar auch schon unter den Gelsen herumgesprochen: Draußen können wir nicht bleiben, sonst werden wir erstochen. Und drinnen will man uns finanziell aussaugen: Die 32 Dollar für das Motel zu opfern, bringen wir jedenfalls nicht übers Herz. (Warum bitte sollen wir die Melkkuh für all die anderen Touristen spielen, die hier nicht übernachten?) Beides, die Gelsen (mit ihrer Stechwut) sowie die Leute (und ihre Geldgier) – vielleicht aber auch unser eigener Geiz –, treiben uns am Ende weiter.

Nachdem wir ja so cool und unbesiegbar sind, entschließen wir uns, einfach nach Burns weiterzufahren. Immerhin haben wir die Hälfte ja schon hinter uns (jedenfalls von Vale aus betrachtet). Unsere Wasserreserven füllen wir nicht auf. Wozu auch? Erstens muss man hier für Eiswürfel etliche Cents berappen. Und zweitens gibt’s auf Drinking Water Pass (und der liegt keine 20 Kilometer von hier) ja ohnehin eine Quelle. Das hat man uns jedenfalls in Vale erzählt …

Stefan braucht viel Flüssigkeit beim Radfahren. Er hat eine völlig andere Wasserzirkulation als ich. Durch die Mineralien in dem ausgeschwitzten Wasser sieht er am Ende jedes heißen Tages aus wie in Salzteig gebacken.

Als wir Drinking Water Pass erreichen, sind unsere Camelbaks fast leer. Von Wasser jedoch keine Spur, obwohl wir sogar noch einmal ein Stück zurückfahren, um jede Abzweigung auf eventuell übersehene Hinweisschilder zu prüfen.

Später werden wir erfahren, dass die uns beschriebene Quelle nicht unmittelbar auf dem Pass liegt, sondern „ein Stückchen“ davor: dort, wo wir in unserem Übermut die Verdurstenden gespielt hatten …

Es hilft alles nichts – wir müssen weiter. Wenige Meilen später ist unser gewöhnlicher Trinkwasservorrat verbraucht. Wir haben keine andere Wahl, als auf die warme, nach Plastik stinkende Lacke in unseren Fahrradflaschen zurückzugreifen: Bisher hatten wir uns damit nur die Zähne geputzt oder die Hände gewaschen. Aber immerhin ergibt das jetzt noch einmal fast einen Liter für jeden.

In der Wüste heißes Wasser zu trinken ist ungefähr genauso sinnvoll, wie bei einem Zimmerbrand Benzin zum Löschen zu verwenden.

Auf Drinking Water Pass folgt Stinking Water Pass.

Ein ätzender Name: Den tieferen Sinn begreift man erst, wenn man mit dem Fahrrad hier rauffährt. Stinken tut das Wasser schon, allerdings das, was wir in den Radflaschen mit uns führen. Und weil der Pass über keine eigenen Wasserreserven verfügt, müssen wir das Zeug nun saufen.

Wüsten waren in meiner Vorstellung immer eben, flach wie ein Bügelbrett, plan wie das Meer. Diese hier ist voll mit hässlichen Hügeln und Bergen. Man kann die Pein, die die Wüste einem anzutun gedenkt, bereits auf große Entfernung sehen. Wüsten sind auch nicht mehr das, was sie mal waren.

Stinking Water Pass liegt auf einer mächtigen Bergkette. Ein endlos langer Anstieg windet sich in Schlangenlinien hinauf auf den kahlen, ungeschützten Rücken, direkt im Brennpunkt der ungnädigen Nachmittagssonne. Alternativen gibt es keine: Über diesen Pass führt der einzige Weg zu Trinkwasser.

Mitten auf dem längsten Anstieg geht mir die warme Plastiklacke aus. Tobi sieht, dass ich kein Wasser mehr habe, und teilt seinen letzten Rest mit mir.

Als der allerletzte Tropfen Flüssigkeit auf der Zunge verdampft ist, ist noch immer kein Ende des Berges in Sicht. Ein Anflug von Verzweiflung. – Minuten später ein Schild am Ende einer Kurve: „Trucks use low gear!“ Der Pass ist erreicht. Ein Hoffnungsschimmer. Wenigstens sind wir jetzt oben. Angekommen an diesem stinkenden Pass. Doch Wasser sprudelt deshalb noch lange keines aus dem heißen Asphalt.

In meiner Agonie klopfe ich an die Fahrertür eines Sattelschleppers, der mit laufendem Motor am Straßenrand steht. Ein Mann öffnet verschlafen und starrt mich misstrauisch an: Ob er vielleicht ein bisschen Wasser hätte oder etwas anderes zu trinken. Wir würden auch dafür zahlen. – Nein, er hat nichts. Gar nichts. Schon deshalb nicht, weil wir ihn mitten in dieser Einöde beim Mittagsschläfchen gestört haben. (Letzteres sagt er nicht, dafür steht es umso deutlicher in seinen Augen, kurz bevor die Fahrertür wieder krachend ins Schloss fällt.) – Ein bierbäuchiger Trucker, der durch die Wüste fährt und nichts zu trinken hat?!

Körperlich und geistig entkräftet lassen wir uns auf der Westseite des Stinking Water Pass hinunterrollen. Vor ewigen Zeiten war eine Tankstelle angekündigt. Aber bis dorthin sind es noch immer ein paar Meilen. Und wenn wieder ein Berg dazwischen liegt …? – Nach einer scharfen Rechtskurve plötzlich ein Rastplatz.

Sicher wieder das Übliche: Eine staubtrockene, mit Müll dekorierte Abstellfläche, ausgestattet mit einer Holzbank oder einem Baum. Vermutlich auch mit einem fliegenverseuchten Plumpsklo.

Stefan, der vor mir fährt, verreißt trotzdem beinahe sein Fahrrad, um die Einfahrt noch zu erwischen. Hat er sich zum Sterben entschlossen? Warum hier? – Plötzlich sehe ich, was er offenbar schon entdeckt hat: einen Granitsockel, an dessen flacher Oberseite ein fetter, Sandalen tragender Tourist zu saugen scheint. Die Logik hat mich noch nicht verlassen. Die Stimme schon. – Aus „Wasser!!! Ein Rastplatz mit Wasser!“ wird nicht mehr als ein erwartungsvolles Röcheln.

Eine Oase: Wasser war noch nie so klar, so kalt, so wohlschmeckend, so flüssig. Wir sind gerettet – und sehen offenbar auch so aus, als wären wir gerade noch einmal dem Tod entronnen: Ein Trucker, der gestern Abend aus San Francisco losgefahren ist und sich hier, auf unserem Parkplatz, Kupplungs- und Gasfuß ein wenig vertreten will, schenkt uns eine Wassermelone und ein paar Kartoffelchips.

Stefan liegt seit fünfzehn Minuten auf der Picknickbank und rührt sich nicht. Ich mache mir Sorgen.

Warum ist mir trotz 40 Grad im Schatten auf einmal so kalt?

Mit aufgefüllten Wassertanks und einer Erfahrung für den Rest unseres Lebens fahren wir weiter. Direkt vor Burns liegt einer der längsten schnurgeraden Straßenabschnitte Amerikas, ein 15-Meilen-Asphaltlineal, so flach und kurvenlos wie das EKG eines verdursteten Radfahrers. Nach einer Ewigkeit tauchen Häuser am Horizont auf: Burns. Endlich, nach 116,5 Meilen.

Stefan ist völlig erledigt. Wir brauchen möglichst schnell und unkompliziert ein Quartier. In alter Tradition fragen wir bei einem Wohnhaus an, das unmittelbar neben einer Kirche liegt: Das Pensionistenpärchen, das hier wohnt, verständigt daraufhin den dazugehörigen Pfarrer und versorgt uns bis zu dessen Eintreffen mit Säften.

Als Pater Tony uns erblickt, vermacht er uns sofort die Kellerräume seines Gotteshauses. Mit letzten Kräften kaufen wir dicke Steaks und Obst im Supermarkt, braten das Fleisch in der Kirchenküche und schlagen uns so gierig damit die Bäuche voll, als könnte es uns noch vom Teller springen. Sogar an einen Videofilm haben wir gedacht: drei Dollar Leihgebühr für „12 Monkeys“ mit Bruce Willis. Für das Geld darf man in Europa im Moment gerade mal einen Blick auf die Kassettenhülle werfen.

Ich falle nach der ersten Actionszene über meinen Schlafsack und komme erst wieder zu mir, als die Sonne schon wieder provokant durchs Kellerfenster hereinstarrt.

Die Sache mit dem Wasser sitzt tief – ein Erlebnis, das ich nicht mehr vergessen werde, solange ich lebe. Klares Trinkwasser, so viel das Herz begehrt, ist eine Selbstverständlichkeit, die man – speziell als Wiener – kaum zu schätzen weiß. Umso deutlicher wird mir die Gier, mit der ich sogar das warme, stinkende Wasser aus der Plastikflasche getrunken habe, in Erinnerung bleiben.

Ein höchst bemerkenswerter Tag auch in statistischer Hinsicht: Immerhin haben wir heute die Rekorddistanz von 190 Kilometern zurückgelegt und dabei 8 Stunden 22 Minuten auf unseren Fahrrädern verbracht.
  

Thumbs up!

Der gestreckte Daumen ist wohl eine der stärksten Botschaften, die man auf einer solchen Reise empfangen kann. Auf der ganzen Fahrt quer durch Amerika konnten wir gerade mal ein Dutzend dieser raren Landstraßen-Delikatessen ernten. Natürlich haben wir uns oft genug gefragt, was man tun kann, um die Ausbeute zu verbessern. Aber ein himmelwärts weisender, oft vor Begeisterung gekrümmter Daumen, der stolz über einer geballten Faust thront, ist schwer zu provozieren – schon weil zu viele wichtige Faktoren vom Daumenbesitzer abhängen.

Jetzt in Oregon, beinahe am Ende unserer Reise, scheinen wir diesem Ziel jedoch mit einem Schlag näher gekommen zu sein. Der kreative Lösungsansatz: Mitten in der größten Mittagshitze durch die Wüste radeln, möglichst auf einen riesengroßen, wasserlosen Berg zu. Toll, was? In Europa hätte man sich wohl mit dem Zeigefinger an die Stirn getippt. Wir dagegen bekamen gleich zweimal „Thumbs up“!


Über die Autoren

Stefan & Tobi

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