Wayne’s World.

Filmtitel

 

Nach einer solchen Pause geht doch alles immer besonders gut: Beflügelt von den netten Tagen in Gillette stellen wir heute mühelos einen neuen Rekord auf. Unsere Gastgeber haben uns mit diversen Adressen versorgt, darunter auch eine in Sheridan, keine 180 Kilometer nordwestlich von Gillette. Weil uns unterwegs ein bisschen fad wird und Highway 14/16 doch nicht so viel Amüsement bietet wie erhofft, beschließen wir spontan, bis Sheridan durchzuradeln.

Irgendwo mitten in der glühend heißen Einöde steht plötzlich ein Saloon am Straßenrand. – Verblüffend: Nach unseren Informationen sollte das Schild „Spotted Horse“ eigentlich einen Ort und nicht eine Bar ankündigen. Die Begründung haben wir schon einmal gehört: Auch hier (wie in Cedar Butte) stand vor Jahren einmal ein Postamt (für einsame Cowboys, schreibwütige Bisons und belesene Klapperschlangen); anscheinend Referenz genug, um eine Verewigung in den Landkarten dieser Welt zu rechtfertigen. – Für Analphabeten hat man vor der Bar in unübersehbarer Lebensgröße einen schwarz gefleckten Holzgaul hingestellt. („Du, Winnetou, sieh mal, ein schwarz gefleckter Gaul!“ – „Ja, Old Shatterhand, wenn das nicht das berühmte ,Spotted Horse‘ ist.“)

Jetzt besteht „Spotted Horse“ also nur noch aus diesem urgemütlichen Lokal mit Pooltisch, 50er-Jahre-Jukebox, Dartsscheibe, einem Dutzend „Bar-Sätteln“ und jeder Menge ungewöhnlichem Gerümpel, das auf die umliegenden Wände verteilt ist. Während die Barfrau uns mit Omas Keksen füttert, erzählt sie uns, wie sie das Zeug beim Aufräumen und Saubermachen in der näheren Umgebung aufgesammelt hat.

Beim Anblick eines wunderschönen, 50 Jahre alten „Schwinn“-Rades mitten in dieser Schrottsammlung wird mir auf einmal ganz flau im Magen. Am liebsten würde ich meinen postmodernen Alu-Drahtesel dagegen eintauschen und stattdessen mit diesem Edelstahlklassiker nach San Francisco radeln. Leider erinnert mich Stefan daran, dass meine Chancen, mit der quietschenden Legende auch tatsächlich dort anzukommen, gleich null sind.

Als wir von den Barsitzen wieder auf die Fahrräder umsatteln, haben wir begriffen: Der alte Rand McNally wird schon gewusst haben, warum er das Etablissement im Kontinental-Atlas vermerkt hat.

Die Kulissenmaler von Paramount Pictures und die Jungs von Technicolor haben in Wyoming ganze Arbeit geleistet und diese Gegend genau so hingekriegt, wie man das in den Filmen immer sieht. Nur John Wayne will trotz lustvoller „Yippieyei“-Rufe und täuschend echten Indianergeheuls einfach nicht hinter seinem Kaktus hervorkommen. – Dafür treffen wir Steve und Christina, ein radelndes Pärchen aus San Francisco. Während Stevie, der coolerweise eine Fünf-Kilo-Kühlbox für Bier mitschleppt, erzählt, dass in Frisco schon ein eigenes In-Beisl für Fahrradboten aufgemacht hat, gibt das Hinterrad seines Underdog-Tretesels mit einem lauten Zischen die Luft ab. Stevie flucht, wir lachen – und fahren weiter, bevor er uns erschlägt.

Mein Kilometerzähler springt von 3999 auf 4000: fast schon keine Sensation mehr. Stefan jedenfalls hat’s mit einem Grunzen zur Kenntnis genommen. Ich steigere mich, mangels anderer Höhepunkte, in künstliche Freude hinein. – San Francisco als Ziel, das anfangs so unrealistisch fern schien, huscht mir nun immer öfter durch den Kopf. Längst hat sich diese Stadt in meinem Bewusstsein vom simplen Endpunkt einer Reise in eine Art Leitstern verwandelt. Ich muss gegen meine Sehnsucht (so etwas wie Heimweh nach San Francisco) regelrecht ankämpfen, sonst kann ich den vielleicht schönsten Teil der Reise nicht mehr genießen.

Die Freunde von Vicky und Alex in Sheridan sind entsprechend nett: Wir erscheinen unangemeldet (aber dafür pünktlich) bei Peggy und Rick zum Dinner und dürfen uns gleich dazusetzen.

Während des Essens informieren wir uns über die bevorstehende Etappe, so dass wir bei der Nachspeise wissen: Morgen wird’s hoart!

Kurz bevor ich im Keller des Hauses entschlummere, ist mir, als ob das Sandmännchen im Vorbeitrippeln an meinem rechten Ohr zieht und mit Fistelstimme hineinkichert: „Das schafft ihr nie, hihi. Das schafft ihr nie, hihi!“
 

Tastentelefon-Scrabble

Ja, ja, das öffentliche Telefon … Ein ganzes Entertainment-Paket verbirgt sich hinter den landesweiten 1-800-Nummern: Man nehme die Zahlenfolge 1-8-0-0, füge sieben weitere Ziffern hinzu, und – Bingo! – schon ist man mit den freundlichsten und bestgelaunten Menschen des gesamten Landes verbunden. Zumeist sind es Firmen oder irgendwelche Dienstleistungsunternehmen, die über eine solche Nummer ihr Kundenservice anbieten und deren Mitarbeiter darauf getrimmt sind, auch die allerdämlichsten Anrufer seriös zu behandeln und ihre Fragen geduldig zu beantworten. Fast zu schön, um wahr zu sein: Für den Anrufer ist eine solche Nummer auch noch gebührenfrei.

Wer jetzt meint, für einen solchen Anruf eine ausgeklügelte Nummernliste oder gar ein Telefonbuch zu benötigen, ist völlig auf dem Holzweg: Tastentelefone sind in Amerika zusätzlich mit einem Alphabet beschriftet. So kann sich der geschätzte Kunde die meisten kommerziellen Nummern ganz einfach mit Hilfe eines Codewortes merken.

Augenblick! Das heißt doch nicht etwa, dass sich hinter jeder gängigen englischen Wortgruppe mit sieben Buchstaben eine kostenlose Telefonnummer verbirgt? – Aber ja! (Was zu beweisen war …)

Auch der Radfahrer ist lernfähig: In ein paar faden Minuten an der Ostküste hatten wir unser Glück noch mit irgendwelchen sieben Ziffern versucht. Jetzt, nach dieser „Codewort-Erkenntnis“, sind der ausgehungerten Phantasie keine Grenzen mehr gesetzt. 1-800-FUCKYOU ist ebenso erreichbar wie 1-800-BIGTITS oder … (Moment, wieso sind wir eigentlich so fixiert?!) natürlich auch 1-800-NEWYORK.


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Stefan & Tobi

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