Wetten,

dass wir Betten hätten,

wenn wir unsre Ketten fetten?

Schüttelreim

 

Der Tag fängt für mich erst mit dem Mittagessen an: Thunfisch mit Zwiebeln auf trockenen Hamburger-Brötchen (von so was kriegt man bestimmt Blähungen) entspricht eben nicht meinen Vorstellungen von einem stärkenden Frühstück. Stefan und sein verfluchter Saumagen sehen das wie immer ganz anders!

Nach nur 20 Meilen kehren wir in Lima in einen Family-Diner zum Mittagessen ein. Eigentlich bin ich noch nicht so richtig hungrig, aber Tobi besteht darauf. Kein Wunder, wenn er immer so wenig frühstückt.

Der Nachmittag beginnt zunächst unheimlich: Ein undefinierbares lautes Rasseln verfolgt uns hartnäckig und lässt sich auch auf den kurzen Bergabstücken nicht abschütteln. Immer wieder drehen wir uns um, niemand ist zu sehen. Irgendwie klingt das ganze sehr nach rostigen Eisenketten. Natürlich glauben wir nicht an Gespenster, aber andererseits …

Es sind unsere Räder, die den Lärm machen: Aus Richtung der Tretkurbel war schon seit Tagen immer wieder ein leichtes Klappern zu vernehmen gewesen. Nun aber bleiben die festgerosteten Kettenglieder auch schon gelegentlich stecken, und daher das lautstarke Scheppern und Krachen.

So bitten wir schließlich bei einer Werkstatt am Straßenrand um ein paar Tropfen Öl oder Silikon. (Das letzte Wort lässt bei Tobi sehnsüchtige Erinnerungen an den Abschlussabend in New York aufkommen …) Barry, der Maschinenschlosser, an den wir diese Bitte richten, versorgt uns mit seinem besten Kriechöl. Die nächsten Meilen schweben wir dahin, als ob Barry heimlich einen Hilfsmotor montiert hätte. Wir bremsen verstohlen mit, damit es auf der Ebene nicht zu schnell wird.

Ein abgehobenes Gefühl lautlosen Dahingleitens. Ich hätte nie gedacht, dass mir ein paar Tropfen Gleitmittel so viel unschuldiges Glück bereiten könnten.

Schließlich holt uns eine Hupe wieder auf den Highway zurück. Barry aus der Werkstatt hat Feierabend und dröhnt grinsend mit seinem 8-Zylinder-Chevy an uns vorbei. – Wieder ein paar Meilen später ziehen vor uns dichte, schwarze Wolken auf und der Wind legt auf einmal beängstigend zu. Als wir gerade wetten wollen, wer zuerst vom Blitz getroffen wird (wieder eines dieser infantilen Spielchen …), sehen wir vom Straßenrand jemanden mit zwei Aludosen winken: „Heyguys, wannabeer?“ – Der Experte erkennt sofort ein klassisch-amerikanisches „Satzkonzentrat“: Zwei Worte, die die Kommunikation aufs Wesentliche beschränken und trotzdem ein Maximum an Information enthalten.

Natürlich wollen wir. Der Mann mit den Bierdosen ist unser neuer Freund Barry, und wir kennen ihn schon gut genug, um zu wissen, dass er ein „Nein“ sowieso nicht akzeptiert hätte.

Barry sieht aus wie Joe, der Bruder von Jack Nicholson. Konsequenterweise zündet er sich auch gleich eine Zigarre an. Während wir unter einem schützenden Dach die saftigen selbst gegrillten Hamburger, Baked Beans und Käsenudeln von Barrys Frau Susan verspeisen, beobachten wir auf dem Weather-Channel mit gespielter Gleichgültigkeit, wie das Unwetter den Nachbarort verwüstet. Dann zeigt uns Barry stolz seine Rambo-Kampfausrüstung (Pfeil und Bogen mit Vierfachklingen und kleinen Sprengköpfen): für die Kaninchenjagd – und für Vögel.

Ein Fehler in der Zeitrechnung (welches Jahr haben wir eigentlich?) ist schuld daran, dass wir Barrys und Susans in der Luft liegende Einladung zum Übernachten nicht einmal abwarten.

Gute Idee, uns zum Weiterfahren zu vergattern, Tobi: Es ist ja schließlich erst halb sieben!! – Wenn Dummheit Gas geben tät, müsstest du zwar beim Bergauffahren mit beiden Händen bremsen, aber sonst …

Trotzdem, ein Hauch von Dekadenz ist schon dabei: Mit stolzgeschwellter Brust fahren wir noch ein Stündchen, erfüllen das übliche Pensum von hundert Kilometern und warten dann, was für eine Übernachtung uns wohl stattdessen in den Schoß fällt.

Der Golfplatz von LeRoy hat sich inzwischen in eine romantische Seenlandschaft verwandelt, gleich mehrere Spielplätze laden zum Baden ein. Bei einer der örtlichen Kirchen (davon gibt es hier besonders reichlich) finden wir schließlich warmherzige Aufnahme. Den Pfarrer schickt der Himmel – wie das genau kam, wird er uns allerdings erst morgen früh erzählen …

Pastor Paul hat drei aufgeweckte Kinder und einen Hund, den wir wegen seiner sinnlosen Vorliebe für wieselflinke Streifenhörnchen „Pluto“ nennen. – Im Activity-Room der Gemeinde spielen wir schließlich bis spät in die Nacht Tischtennis. (So, ein bisschen Sport haben wir heute also auch gemacht.)


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Stefan & Tobi

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